Gesellschaft und Stammeszugehörigkeit: Tradition, Wandel und Erbe
摘要
In weiten Teilen der Arabischen Halbinsel und insbesondere für die mehrheitlich beduinische Bevölkerung bedeutete Stammeszugehörigkeit bis in die Mitte des 20. Jahrhundert Zugang zu Ressourcen, Gemeinschaft sowie politischer und kultureller Teilhabe. Eine ideologische Grundlage der auf unterschiedliche Weise in Stammesgruppen gegliederten Gesellschaft bildete Abstammung, die allerdings genealogisch und retrospektiv definiert war, so dass sie die Realität der Gruppenbildung mit ihren sozialen und politischen Dynamiken abbilden konnte. Tradition gewährleistete komplexe Ordnungen, orientiert – im Wesentlichen – an etablierten, formalisierten und sozial kontrollierten Praktiken, und aufrechterhalten unter anderem durch Konfliktbewältigung in Form von Vermittlung und im Brauchtum verankerter Waffengewalt. Das über Jahrhunderte hinweg vorherrschende Geflecht der in wechselnden Konstellationen realisierten Kooperation von Fernweidewirtschaft, mit ihren mobilen, eigenständig und in stetem Wettbewerb um knappe Ressourcen und Umverteilung agierenden Gruppen, und Landwirtschaft, Handwerk und Handel in den Oasen hatte zur Zeit der Konsolidierung des Zentralstaates aus verschiedenen Gründen bereits an Bedeutung gegenüber Städten und Fernhandel eingebüßt. Nach dem Ende der beduinischen Dominanz entwickelte sich das Interesse an Abstammung neu, nun nicht mehr als ein fluides Register und Teil eines flexiblen gesellschaftlichen Ordnungssinns, sondern mit dem Anspruch auf schriftlich fixiertes, wahres, überprüfbares Wissen, das öffentlich verhandelt wurde. Dabei wurden – und werden – alte wie neue Kriterien sozialer Hierarchie geltend gemacht und Vergangenheitspolitiken abseits staatlicher Lenkung debattiert.