Der Beitrag gibt einen Überblick über die moralphilosophische Debatte zum Suizid im 18. Jahrhundert und nimmt dabei insbesondere solche Autoren, die der Aufklärung zugeordnet werden können, in den Fokus. Der Großteil der Aufklärungsphilosophen rechtfertigt die Selbsttötung als ethisch erlaubte Handlung und hinterfragt die zeitgenössische, offenbarungstheologisch begründete Rechtspraxis, Suizidenten als Sünder anzusehen und sie und ihre Familien über den selbstzugefügten Tod hinaus zu strafen. Die Strategien zur Rechtfertigung sind dabei vielfältig: Nützlichkeits- und Pflichtargumente finden sich ebenso wie individualethische Argumente und solche, die innerhalb der christlichen Lehre Bestand haben können. Die Textgrundlagen sind wenig analytisch. Das gesellschaftspolitische Ziel der Entstigmatisierung suizidalen Handelns scheint mehr Gewicht zu haben als argumentative Stringenz. Dieser Beitrag versucht sich daher an einer möglichst systematischen Darstellung der verschiedenen Ansätze. Anschließend wird die aufklärerische Gegenposition vorgestellt. Immanuel Kant verurteilt die Selbsttötung als Pflichtverletzung und Verbrechen, ohne dabei jedoch auf Offenbarungstheologie zurückzugreifen. Die kantische Position zum Suizid ist innerhalb der Aufklärungsphilosophie weitestgehend isoliert zu betrachten.

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Göttlicher Ruf oder menschliche Freiheit. Suizidrechtfertigung in der Aufklärungsphilosophie

  • Marie Ziegler

摘要

Der Beitrag gibt einen Überblick über die moralphilosophische Debatte zum Suizid im 18. Jahrhundert und nimmt dabei insbesondere solche Autoren, die der Aufklärung zugeordnet werden können, in den Fokus. Der Großteil der Aufklärungsphilosophen rechtfertigt die Selbsttötung als ethisch erlaubte Handlung und hinterfragt die zeitgenössische, offenbarungstheologisch begründete Rechtspraxis, Suizidenten als Sünder anzusehen und sie und ihre Familien über den selbstzugefügten Tod hinaus zu strafen. Die Strategien zur Rechtfertigung sind dabei vielfältig: Nützlichkeits- und Pflichtargumente finden sich ebenso wie individualethische Argumente und solche, die innerhalb der christlichen Lehre Bestand haben können. Die Textgrundlagen sind wenig analytisch. Das gesellschaftspolitische Ziel der Entstigmatisierung suizidalen Handelns scheint mehr Gewicht zu haben als argumentative Stringenz. Dieser Beitrag versucht sich daher an einer möglichst systematischen Darstellung der verschiedenen Ansätze. Anschließend wird die aufklärerische Gegenposition vorgestellt. Immanuel Kant verurteilt die Selbsttötung als Pflichtverletzung und Verbrechen, ohne dabei jedoch auf Offenbarungstheologie zurückzugreifen. Die kantische Position zum Suizid ist innerhalb der Aufklärungsphilosophie weitestgehend isoliert zu betrachten.