Erzählungen von Rache fordern das menschliche Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden in besonderer Weise heraus: Einerseits befriedigt Rache ein – wie empirische Studien nachweisen – tief im Menschen verankertes Vergeltungsbedürfnis, andererseits konfligiert sie mit sozialen, ethischen und religiösen Werteordnungen. Der Beitrag zeigt am Beispiel des Nibelungenliedes, dass und wie bereits mittelalterliche Racheerzählungen dieses spezifische Provokationspotenzial nutzen, um in grundlegende rechtsethische und rechtsanthropologische Problemstellungen hineinzuführen. Im 12. Jahrhundert werden diese Problemstellungen virulent, weil im gelehrten Recht römische, volksrechtliche und christliche Traditionen in neuen Konzepten von Schuld und Vergeltung verschmelzen, die sich gegen den Anspruch einer letztgültigen Objektivierbarkeit sperren. Das Nibelungenlied reagiert, so die These, mit genuin literarischen Mitteln auf die axiologischen Implikationen dieses Prozesses und positioniert sich damit als ein Medium der Beobachtung zweiter Ordnung.

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Niedere Beweggründe? Intratextuelle und interdiskursive Axiologien der Rache im Nibelungenlied

  • Silvia Reuvekamp

摘要

Erzählungen von Rache fordern das menschliche Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden in besonderer Weise heraus: Einerseits befriedigt Rache ein – wie empirische Studien nachweisen – tief im Menschen verankertes Vergeltungsbedürfnis, andererseits konfligiert sie mit sozialen, ethischen und religiösen Werteordnungen. Der Beitrag zeigt am Beispiel des Nibelungenliedes, dass und wie bereits mittelalterliche Racheerzählungen dieses spezifische Provokationspotenzial nutzen, um in grundlegende rechtsethische und rechtsanthropologische Problemstellungen hineinzuführen. Im 12. Jahrhundert werden diese Problemstellungen virulent, weil im gelehrten Recht römische, volksrechtliche und christliche Traditionen in neuen Konzepten von Schuld und Vergeltung verschmelzen, die sich gegen den Anspruch einer letztgültigen Objektivierbarkeit sperren. Das Nibelungenlied reagiert, so die These, mit genuin literarischen Mitteln auf die axiologischen Implikationen dieses Prozesses und positioniert sich damit als ein Medium der Beobachtung zweiter Ordnung.