Dieser Beitrag erläutert den Begriff der Diachronie bei Emmanuel Levinas, der bemerkenswert ist, weil Levinas mit ihm Zeit als Beziehung zum anderen Menschen auffasst. Die Diachronie bezeichnet einen Zeitlauf, der nicht als Gegenwart erlebt wird und der sich weder erinnern noch antizipieren lässt. Levinas verleiht damit der Überzeugung Ausdruckt, dass sich die Zeit im eigentlichen Sinne der Synchronie – das heißt der Bewusstseinsgegenwart des Subjekts – entzieht und sich auch nachträglich nicht in diese einholen lässt. Zeit als Diachronie ist in diesem Sinne immer schon verloren – eine unvordenkliche Vergangenheit, die den Selbstbesitz des Subjekts unterläuft und die Levinas als Affektion durch den anderen Menschen deutet. Zugleich stellt sie das Subjekt in eine Beziehung mit einer Zukunft, die jenseits aller Antizipationen und Erwartungen liegt – der Zukunft des Anderen, für den es jenseits aller übernommenen Pflichten verantwortlich ist. Mit dem Begriff der Diachronie werden verschiedene Aspekte von Zeit thematisch, die unter der Perspektive auf die individuelle Lebenszeit entweder gar nicht oder in anderer Weise in den Blick kommen. Diese werden im Folgenden ausgeführt. Abschließend wird ein Bogen zu medizinischen Kontexten geschlagen, für die der Begriff in besonderer Weise anschlussfähig ist.

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Diachronie

  • Anne Clausen

摘要

Dieser Beitrag erläutert den Begriff der Diachronie bei Emmanuel Levinas, der bemerkenswert ist, weil Levinas mit ihm Zeit als Beziehung zum anderen Menschen auffasst. Die Diachronie bezeichnet einen Zeitlauf, der nicht als Gegenwart erlebt wird und der sich weder erinnern noch antizipieren lässt. Levinas verleiht damit der Überzeugung Ausdruckt, dass sich die Zeit im eigentlichen Sinne der Synchronie – das heißt der Bewusstseinsgegenwart des Subjekts – entzieht und sich auch nachträglich nicht in diese einholen lässt. Zeit als Diachronie ist in diesem Sinne immer schon verloren – eine unvordenkliche Vergangenheit, die den Selbstbesitz des Subjekts unterläuft und die Levinas als Affektion durch den anderen Menschen deutet. Zugleich stellt sie das Subjekt in eine Beziehung mit einer Zukunft, die jenseits aller Antizipationen und Erwartungen liegt – der Zukunft des Anderen, für den es jenseits aller übernommenen Pflichten verantwortlich ist. Mit dem Begriff der Diachronie werden verschiedene Aspekte von Zeit thematisch, die unter der Perspektive auf die individuelle Lebenszeit entweder gar nicht oder in anderer Weise in den Blick kommen. Diese werden im Folgenden ausgeführt. Abschließend wird ein Bogen zu medizinischen Kontexten geschlagen, für die der Begriff in besonderer Weise anschlussfähig ist.