Antisemitische Verschwörungsmythen
摘要
Seit Längerem wird in der Forschung kontrovers diskutiert, woher die zugleich spezifische und interkulturelle Ausprägung des Antisemitismus als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit stammt. Fortschritte in der Hirnforschung, in der Erkenntnistheorie zur Unterscheidung wissenschaftlicher und mythologischer Narrative, Beiträge zum religiös-wissenschaftlichen und interreligiösen Dialog insbesondere des britischen Oberrabbiners Jonathan Sacks (1948–2020) und archäologische Funde der Mediengeschichte erlauben eine neue, interdisziplinär und interkulturell belastbare Antwort: Als erste Religion der Alphabetisierung – im Talmud verbunden mit Noahs Sohn Sem – leitete das Judentum die Demokratisierung der Schriftbeherrschung und damit auch religiöse und gesellschaftliche Umwälzungen ein. Dagegen entwickelte sich aus Neid und Widerwillen der frühe Antijudaismus und später der rassistische Antisemitismus, der im Gegensatz zu allen anderen Formen des gruppenbezogenen Dualismus von einer geistigen und materiellen Überlegenheit angeblicher jüdischer Weltverschwörer ausgeht und also völlig unabhängig vom Verhalten oder auch nur der Präsenz von Jüdinnen und Juden mit Verschwörungsmythen verbunden ist.