Landschaft wird in der politischen, aber auch öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte in den vergangenen Jahren zunehmend präsent, wie bereits vor eineinhalb Jahrzehnten festgestellt wurde (vgl. Stobbelaar & Pedroli, 2011): Die Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels, der Ausbau regenerativer Energien, der demografische Wandel, eine zunehmende Reurbanisierung, der fortschreitende Wandel der Industriegesellschaften zu Dienstleistungsgesellschaften, zunehmende touristische Aktivitäten und viele andere Entwicklungen sind mit materiellen Veränderungen verbunden und fordern traditionelle Verständnisse von Landschaft heraus. Das zunehmende Interesse an dem, was wir Landschaft nennen, dokumentiert sich nicht zuletzt in einer deutlichen Präsenz des Themas in Überblickswerken in deutscher Sprache, etwa zum Thema Kulturlandschaft (Hampicke, 2013, 2018; Kremer, 2015; Poschlod, 2017), Landschaftsökologie (Leser & Löffler, 2017; Walz & Steinhardt, 2024) oder Landschaft allgemein (Küster, 2009, 2012) wobei diesen Werken in der Regel die Auffassung zugrunde liegt, es existiere eine ‚Landschaft‘ als materieller Gegenstand, die bestenfalls unterschiedlich wahrgenommen wird. Das vorliegende Lehrbuch hat dagegen eine andere Perspektive auf Landschaft. Es widmet sich dem Thema Landschaft aus sozialkonstruktivistischer Sicht. Landschaft wird hier nicht als ein vom Beobachter unabhängiger Gegenstand verstanden, sondern stellt das Ergebnis eines Prozesses der Konventionsbildung dar. Die Landschaft konstituierende Ebene ist hier nicht im physischen Raum zu suchen, sondern in Mustern der sozialen Deutungen, Bewertungen und Zuschreibungen, mit denen das Individuum konfrontiert ist. Dieses Verständnis teilt die sozialkonstruktivistische Perspektive mit anderen konstruktivistischen Sichtweisen auf Landschaft, worauf in diesem Buch noch ausführlicher eingegangen wird. Landschaft entsteht aus einer Zusammenschau unterschiedlicher materieller Elemente unter Rückgriff auf soziale Deutungs- und Bewertungsmuster. Landschaft ist entsprechend mehr als eine bloße „Konstellation von Naturtatsachen“ (Freyer, 1996, S. 70), nämlich „ein Stück Erde mit Bezug auf den Menschen und insofern ein reflexives Gebilde“ (Freyer, 1996, S. 70). Dieses reflexive Gebilde basiert in wesentlichen Teilen auf ästhetischen Deutungen, wie Georg Simmel bereits 1913 (Simmel, 1996, S. 191) feststellte: „Wo wir wirklich Landschaft und nicht mehr eine Summe einzelner Naturgegenstände sehen, haben wir ein Kunstwerk in statu nascendi“. Was, wann und von wem als Landschaft beschrieben werden kann, unterliegt sozialen Aushandlungsprozessen. Entsprechend sind die sozialen Konstrukte von Landschaft unterschiedlichen sozialen und kulturellen Prägungen unterworfen und weisen auch in der zeitlichen Dimension eine hohe Veränderlichkeit auf (unter vielen: Berr & Kühne, 2020; Bobineau, 2020; Bruns, 2016; Bruns & Münderlein, 2019; Burkert et al., 2024; Kirchhoff, 2020; Kühne, 2018a; Mölders & Hofmeister, 2020; Müller, 1977). An dieser Stelle findet sich der Ansatzpunkt der konstruktivistischen Landschaftsbefassung. Gemäß der Position des sozialen Konstruktivismus, oder Sozialkonstruktivismus, kann der Mensch allein durch den Umgang mit anderen Menschen zu Erkenntnissen über die Welt gelangen. Dadurch ist es dem Menschen nicht möglich, Erkenntnisse über die Welt ‚wie sie ist‘ zu erlangen. Vielmehr kann er sie lediglich in einer, durch andere Menschen vorinterpretierter Form erschließen. Die sozialkonstruktivistische Perspektive stellt dabei weder die Existenz physischer Gegenstände noch deren Bedeutung für die Gesellschaft in Abrede, dies würde auch ihren Wurzeln in der Phänomenologie nicht gerecht werden. Gegenüber der Phänomenologie fokussiert sie aber weniger das Erleben physischer Räume durch das Individuum, sondern dessen Verhältnis zur Gesellschaft (Kühne, 2019). Sie befasst sich mit der Entstehung dieser Bedeutungen und der Art, wie der Mensch diese Bedeutungen kommuniziert. Verbunden ist ihre aus der Phänomenologie hervorgehende Entwicklung mit Namen wie Merleau-Ponty (1945), Berger und Luckmann (1966), Schütz (1971a [1962], 1971b, 2004 [1932]), Blumer (1973), Husserl (1973 [1929]) oder Schütz und Luckmann (2003 [1975]). Die hier dargelegte sozialkonstruktivistische Befassung mit Landschaft stellt also – aufgrund ihrer theoretischen Fundierung in Soziologie, Geografie, Philosophie und Psychologie – mehr als nur eine geschmacksorientierte „Begründung für einen [landschaftsarchitektonischen; Anm. O. K.] Stil“ (Deming & Swaffield, 2011, S. 32) dar, bei der sich das Konzept der Beschreibung ‚Theorie‘ eher missbräuchlich gestaltet (Deming & Swaffield, 2011), denn diese Art ‚Theorien‘ eignet sich – im Vergleich zur sozialkonstruktivistischen Landschaftstheorie – nicht für eine empirische Prüfung und insbesondere Widerlegung im Sinne von Popper (1959).

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Einleitung

  • Olaf Kühne

摘要

Landschaft wird in der politischen, aber auch öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte in den vergangenen Jahren zunehmend präsent, wie bereits vor eineinhalb Jahrzehnten festgestellt wurde (vgl. Stobbelaar & Pedroli, 2011): Die Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels, der Ausbau regenerativer Energien, der demografische Wandel, eine zunehmende Reurbanisierung, der fortschreitende Wandel der Industriegesellschaften zu Dienstleistungsgesellschaften, zunehmende touristische Aktivitäten und viele andere Entwicklungen sind mit materiellen Veränderungen verbunden und fordern traditionelle Verständnisse von Landschaft heraus. Das zunehmende Interesse an dem, was wir Landschaft nennen, dokumentiert sich nicht zuletzt in einer deutlichen Präsenz des Themas in Überblickswerken in deutscher Sprache, etwa zum Thema Kulturlandschaft (Hampicke, 2013, 2018; Kremer, 2015; Poschlod, 2017), Landschaftsökologie (Leser & Löffler, 2017; Walz & Steinhardt, 2024) oder Landschaft allgemein (Küster, 2009, 2012) wobei diesen Werken in der Regel die Auffassung zugrunde liegt, es existiere eine ‚Landschaft‘ als materieller Gegenstand, die bestenfalls unterschiedlich wahrgenommen wird. Das vorliegende Lehrbuch hat dagegen eine andere Perspektive auf Landschaft. Es widmet sich dem Thema Landschaft aus sozialkonstruktivistischer Sicht. Landschaft wird hier nicht als ein vom Beobachter unabhängiger Gegenstand verstanden, sondern stellt das Ergebnis eines Prozesses der Konventionsbildung dar. Die Landschaft konstituierende Ebene ist hier nicht im physischen Raum zu suchen, sondern in Mustern der sozialen Deutungen, Bewertungen und Zuschreibungen, mit denen das Individuum konfrontiert ist. Dieses Verständnis teilt die sozialkonstruktivistische Perspektive mit anderen konstruktivistischen Sichtweisen auf Landschaft, worauf in diesem Buch noch ausführlicher eingegangen wird. Landschaft entsteht aus einer Zusammenschau unterschiedlicher materieller Elemente unter Rückgriff auf soziale Deutungs- und Bewertungsmuster. Landschaft ist entsprechend mehr als eine bloße „Konstellation von Naturtatsachen“ (Freyer, 1996, S. 70), nämlich „ein Stück Erde mit Bezug auf den Menschen und insofern ein reflexives Gebilde“ (Freyer, 1996, S. 70). Dieses reflexive Gebilde basiert in wesentlichen Teilen auf ästhetischen Deutungen, wie Georg Simmel bereits 1913 (Simmel, 1996, S. 191) feststellte: „Wo wir wirklich Landschaft und nicht mehr eine Summe einzelner Naturgegenstände sehen, haben wir ein Kunstwerk in statu nascendi“. Was, wann und von wem als Landschaft beschrieben werden kann, unterliegt sozialen Aushandlungsprozessen. Entsprechend sind die sozialen Konstrukte von Landschaft unterschiedlichen sozialen und kulturellen Prägungen unterworfen und weisen auch in der zeitlichen Dimension eine hohe Veränderlichkeit auf (unter vielen: Berr & Kühne, 2020; Bobineau, 2020; Bruns, 2016; Bruns & Münderlein, 2019; Burkert et al., 2024; Kirchhoff, 2020; Kühne, 2018a; Mölders & Hofmeister, 2020; Müller, 1977). An dieser Stelle findet sich der Ansatzpunkt der konstruktivistischen Landschaftsbefassung. Gemäß der Position des sozialen Konstruktivismus, oder Sozialkonstruktivismus, kann der Mensch allein durch den Umgang mit anderen Menschen zu Erkenntnissen über die Welt gelangen. Dadurch ist es dem Menschen nicht möglich, Erkenntnisse über die Welt ‚wie sie ist‘ zu erlangen. Vielmehr kann er sie lediglich in einer, durch andere Menschen vorinterpretierter Form erschließen. Die sozialkonstruktivistische Perspektive stellt dabei weder die Existenz physischer Gegenstände noch deren Bedeutung für die Gesellschaft in Abrede, dies würde auch ihren Wurzeln in der Phänomenologie nicht gerecht werden. Gegenüber der Phänomenologie fokussiert sie aber weniger das Erleben physischer Räume durch das Individuum, sondern dessen Verhältnis zur Gesellschaft (Kühne, 2019). Sie befasst sich mit der Entstehung dieser Bedeutungen und der Art, wie der Mensch diese Bedeutungen kommuniziert. Verbunden ist ihre aus der Phänomenologie hervorgehende Entwicklung mit Namen wie Merleau-Ponty (1945), Berger und Luckmann (1966), Schütz (1971a [1962], 1971b, 2004 [1932]), Blumer (1973), Husserl (1973 [1929]) oder Schütz und Luckmann (2003 [1975]). Die hier dargelegte sozialkonstruktivistische Befassung mit Landschaft stellt also – aufgrund ihrer theoretischen Fundierung in Soziologie, Geografie, Philosophie und Psychologie – mehr als nur eine geschmacksorientierte „Begründung für einen [landschaftsarchitektonischen; Anm. O. K.] Stil“ (Deming & Swaffield, 2011, S. 32) dar, bei der sich das Konzept der Beschreibung ‚Theorie‘ eher missbräuchlich gestaltet (Deming & Swaffield, 2011), denn diese Art ‚Theorien‘ eignet sich – im Vergleich zur sozialkonstruktivistischen Landschaftstheorie – nicht für eine empirische Prüfung und insbesondere Widerlegung im Sinne von Popper (1959).