Dieses Kapitel befasst sich mit Schmitts Kritik an der zunehmenden Individualisierung, Bürokratisierung und Technisierung der Gesellschaft. In ironisch-literarischer Form wurde dies in dem Werk „Die Buribunken“ deutlich. Jeder ist verpflichtet, für jede Sekunde seines Daseins Tagebuch zu führen. Friedrich Kittler hat darin einen medienarchäologischen Schlüsseltext gesehen. Unter dem Motto „Jugend ohne Goethe“ wurde Friedrich Hölderlin zum Leitbild einer ganzen Generation. Schmitt interessierte sich in diesem Zusammenhang für den Roman Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Schmitts ideologische Hauptgegner waren Liberalismus und Parlamentarismus. Dabei werde alle politische Aktivität ins Reden verlegt und jede Entscheidung in endlosen Sitzungen „zerredet“. Erschwerend komme die Tendenz zur Verdrehung der Wahrheit durch Manipulation der Fakten hinzu. Schmitt schöpfte seinen ungeheuren Sprachreichtum aus der intensiven Beschäftigung mit Theodor Däublers Monumentalepos „Nordlicht“. Ein Grundanliegen seiner Däubler-Lektüre war das „Erkennen des Verkannten“. Er lobte Däublers ungeheure Gestaltungskraft, seine leidenschaftliche Sprachgewalt und seinen Reichtum an Metaphern. Im Vergleich damit erschien ihm Rilkes Dichtung wie ein „geschminktes Frauenzimmer“. Die Romantik sah er als eine Epoche der Neutralisierung und Entpolitisierung an. Dabei kritisierte er auch Richard Wagner, der der Musik das Mark aussauge, um dieses in die Sprache zu infiltrieren. Demgegenüber sprach Schmitt der Malerei die Kraft zu, Ausdruck eines schöpferischen Chaos zu sein. Als Schmitt sich von Däubler abzuwenden begann, wandte er sich Konrad Weiß und seinem Epimetheus zu. Er selbst hat sich als „christlichen Epimetheus“ bezeichnet. Darauf aufbauend hat er sein „konkretes Ordnungsdenken“ konzipiert.

错误:搜索内容不能为空,请输入英文关键词
错误:关键词超出字数限制,请精简
高级检索

Kritik der Moderne

  • Rüdiger Voigt

摘要

Dieses Kapitel befasst sich mit Schmitts Kritik an der zunehmenden Individualisierung, Bürokratisierung und Technisierung der Gesellschaft. In ironisch-literarischer Form wurde dies in dem Werk „Die Buribunken“ deutlich. Jeder ist verpflichtet, für jede Sekunde seines Daseins Tagebuch zu führen. Friedrich Kittler hat darin einen medienarchäologischen Schlüsseltext gesehen. Unter dem Motto „Jugend ohne Goethe“ wurde Friedrich Hölderlin zum Leitbild einer ganzen Generation. Schmitt interessierte sich in diesem Zusammenhang für den Roman Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Schmitts ideologische Hauptgegner waren Liberalismus und Parlamentarismus. Dabei werde alle politische Aktivität ins Reden verlegt und jede Entscheidung in endlosen Sitzungen „zerredet“. Erschwerend komme die Tendenz zur Verdrehung der Wahrheit durch Manipulation der Fakten hinzu. Schmitt schöpfte seinen ungeheuren Sprachreichtum aus der intensiven Beschäftigung mit Theodor Däublers Monumentalepos „Nordlicht“. Ein Grundanliegen seiner Däubler-Lektüre war das „Erkennen des Verkannten“. Er lobte Däublers ungeheure Gestaltungskraft, seine leidenschaftliche Sprachgewalt und seinen Reichtum an Metaphern. Im Vergleich damit erschien ihm Rilkes Dichtung wie ein „geschminktes Frauenzimmer“. Die Romantik sah er als eine Epoche der Neutralisierung und Entpolitisierung an. Dabei kritisierte er auch Richard Wagner, der der Musik das Mark aussauge, um dieses in die Sprache zu infiltrieren. Demgegenüber sprach Schmitt der Malerei die Kraft zu, Ausdruck eines schöpferischen Chaos zu sein. Als Schmitt sich von Däubler abzuwenden begann, wandte er sich Konrad Weiß und seinem Epimetheus zu. Er selbst hat sich als „christlichen Epimetheus“ bezeichnet. Darauf aufbauend hat er sein „konkretes Ordnungsdenken“ konzipiert.