Die religiös-politische Idee des „Abendlandes“ bzw. des „Westens“ lässt sich historisch lange zurückverfolgen. Der Ursprung der Begriffsbildung liegt allem Anschein nach am Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr., als sich unter der Regierung des Kaisers Diokletian (vgl. Demandt 2022) um Konstantinopel herum allmählich ein oströmisches Reich, das die hellenistischen Gebiete Griechenlands, Anatoliens, der Levante und Ägyptens umfasste, vom weströmischen Imperium mit dem Zentrum der Stadt Rom abzusondern beginnt. Unter Diokletian blieb jene Teilung des Imperium Romanum indes fast ausschließlich administrativer Natur und Teil des Verwaltungsprinzip der Tetrarchie. Erst 395 mit dem Tod von Theodosius I. (der 380 das Christentum zur alleinigen Staatsreligion im Römischen Reich erhoben hatte) wurde die Teilung zwischen Westrom und Ostrom offiziell und erblich. Im 5. Jahrhundert n. Chr. begann sich vor dem Hintergrund der wachsenden innerchristlichen Spaltung zwischen dem römischen Katholizismus und der christlichen Orthodoxie bzw. des römischen und griechischen Patriarchats sodann die Bezeichnung des „Okzidents“ (lat. occidens) dauerhaft zu etablieren und vermochte so auch nach dem politischen Untergang des Weströmischen Reiches das (geistige) Einflussgebiet des Heiligen Stuhls zu kennzeichnen. Entsprechend fingen die römisch-katholischen Päpste um dieselbe Zeit damit an, den Titel „Patriarch des Okzidents“ zu führen. Als Okzident wurden damals vor allem die ehemaligen weströmischen Provinzen bezeichnet, die in erster Linie von westgermanischen Stämmen erobert worden waren, ein Bereich, der sich nach heutigem Verständnis von Spanien und Portugal über Frankreich und Italien bis hin nach Deutschland, die Beneluxstaaten und Großbritannien ausdehnte. Das logische Antonym des Abendlandes – das Morgenland bzw. das Gebiet der im Osten/Orient (lat. oriens) aufgehenden Morgensonne – war mithin zunächst gleichbedeutend mit dem oströmischen bzw. byzantinischen Reich, das den Zusammenbruch des weströmischen Kaisertums immerhin bis 1453 und der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II (und damit auch die islamische Expansion ab dem 7. Jahrhundert trotz erheblicher Gebietsverluste) überdauerte. Entsprechend galt die griechisch-orthodoxe Kirche bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein auch als die „morgenländische Kirche“ (z. B. Langen 1876; Harnack 1913/2011; Neuhaus 1933/1934; Spuler 1939) und wurde das formale Schisma (gr. Trennung) zwischen der Ost- und der Westkirche von 1054, als Papst Leo IX. den Patriarchen von Konstantinopel, Michael I., exkommunizierte, auch das „morgenländische Schisma“ genannt (Denzler 1969; Bayer 2002).

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Das christliche Abendland als identitätspolitischer Kampfbegriff?

  • Oliver Hidalgo

摘要

Die religiös-politische Idee des „Abendlandes“ bzw. des „Westens“ lässt sich historisch lange zurückverfolgen. Der Ursprung der Begriffsbildung liegt allem Anschein nach am Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr., als sich unter der Regierung des Kaisers Diokletian (vgl. Demandt 2022) um Konstantinopel herum allmählich ein oströmisches Reich, das die hellenistischen Gebiete Griechenlands, Anatoliens, der Levante und Ägyptens umfasste, vom weströmischen Imperium mit dem Zentrum der Stadt Rom abzusondern beginnt. Unter Diokletian blieb jene Teilung des Imperium Romanum indes fast ausschließlich administrativer Natur und Teil des Verwaltungsprinzip der Tetrarchie. Erst 395 mit dem Tod von Theodosius I. (der 380 das Christentum zur alleinigen Staatsreligion im Römischen Reich erhoben hatte) wurde die Teilung zwischen Westrom und Ostrom offiziell und erblich. Im 5. Jahrhundert n. Chr. begann sich vor dem Hintergrund der wachsenden innerchristlichen Spaltung zwischen dem römischen Katholizismus und der christlichen Orthodoxie bzw. des römischen und griechischen Patriarchats sodann die Bezeichnung des „Okzidents“ (lat. occidens) dauerhaft zu etablieren und vermochte so auch nach dem politischen Untergang des Weströmischen Reiches das (geistige) Einflussgebiet des Heiligen Stuhls zu kennzeichnen. Entsprechend fingen die römisch-katholischen Päpste um dieselbe Zeit damit an, den Titel „Patriarch des Okzidents“ zu führen. Als Okzident wurden damals vor allem die ehemaligen weströmischen Provinzen bezeichnet, die in erster Linie von westgermanischen Stämmen erobert worden waren, ein Bereich, der sich nach heutigem Verständnis von Spanien und Portugal über Frankreich und Italien bis hin nach Deutschland, die Beneluxstaaten und Großbritannien ausdehnte. Das logische Antonym des Abendlandes – das Morgenland bzw. das Gebiet der im Osten/Orient (lat. oriens) aufgehenden Morgensonne – war mithin zunächst gleichbedeutend mit dem oströmischen bzw. byzantinischen Reich, das den Zusammenbruch des weströmischen Kaisertums immerhin bis 1453 und der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II (und damit auch die islamische Expansion ab dem 7. Jahrhundert trotz erheblicher Gebietsverluste) überdauerte. Entsprechend galt die griechisch-orthodoxe Kirche bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein auch als die „morgenländische Kirche“ (z. B. Langen 1876; Harnack 1913/2011; Neuhaus 1933/1934; Spuler 1939) und wurde das formale Schisma (gr. Trennung) zwischen der Ost- und der Westkirche von 1054, als Papst Leo IX. den Patriarchen von Konstantinopel, Michael I., exkommunizierte, auch das „morgenländische Schisma“ genannt (Denzler 1969; Bayer 2002).