Die Erfahrungs- und (Nicht-)Verstehenspotenziale des Umgangs mit Holocaust- und Genozid-Jugendliteratur werden in fünf Dimensionen gebündelt dargestellt. Dimensionen meinen hier nicht zu erlernende Kompetenzen im Umgang mit Genozid-Jugendliteratur, sondern didaktikwissenschaftliche Bezugs- und Diskursfelder, in denen ganzheitliche erfahrungsintensive Zugriffe von Rezipierenden verortet werden. Reflektierende, (nicht-)verstehende Umgangsweisen sind dabei nicht von emotionalen Reaktionen wie Überwältigung, Schaudern, Erschrecken und Staunen separiert zu betrachten. Eine Dimension liegt in einem Spannungsfeld zwischen geschichtswissenschaftlich fundierter Wissensvermittlung und Perspektivierung des genozidalen Geschehens aus kindlichem bzw. jugendlichem Blickwinkel. In der Dimension ‚Emotionen und Empathie‘ kollidiert der Erwartungsdruck, angesichts der „-losigkeit“ (Ballis und Gloe 2019) von Genozid auf eine bestimmte Weise emotional oder empathisch reagieren zu sollen, mit dem Befund, dass die Wirklichkeit des Massenmords sprachlich nicht mitteilbar ist. Moral erweist sich als eine didaktisch ambivalente Dimension, da Genozid-Jugendliteratur zum einen vielfach Konflikte darstellt, die zur moralischen Urteilsbildung in der Auseinandersetzung mit dem „moralische(n] Gattungsbruch“ (Zimmermann 2012, S. 111) anregen. Zum anderen dürfen die literarischen Texte nicht moralisierend und reduktionistisch als Vehikel zur Vermittlung moralischer Merksätze instrumentalisiert werden. Der bewusste, kritisch-reflektierende Umgang mit der Narrativität und Fiktionalität literarischer Geschichtserzählungen ist einer weiteren Dimension zugeordnet. In der rassismuskritischen und postkolonialen Dimension liegt der Fokus im Sinne von Genozid-Prävention auf der Sensibilisierung für das Fortwirken von Differenzproduktion und Diskriminierung in der Gegenwart.

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Erfahrungs- und (Nicht-)Verstehensdimensionen im Umgang mit Holocaust- und Genozid-Jugendliteratur

  • Julian Kanning

摘要

Die Erfahrungs- und (Nicht-)Verstehenspotenziale des Umgangs mit Holocaust- und Genozid-Jugendliteratur werden in fünf Dimensionen gebündelt dargestellt. Dimensionen meinen hier nicht zu erlernende Kompetenzen im Umgang mit Genozid-Jugendliteratur, sondern didaktikwissenschaftliche Bezugs- und Diskursfelder, in denen ganzheitliche erfahrungsintensive Zugriffe von Rezipierenden verortet werden. Reflektierende, (nicht-)verstehende Umgangsweisen sind dabei nicht von emotionalen Reaktionen wie Überwältigung, Schaudern, Erschrecken und Staunen separiert zu betrachten. Eine Dimension liegt in einem Spannungsfeld zwischen geschichtswissenschaftlich fundierter Wissensvermittlung und Perspektivierung des genozidalen Geschehens aus kindlichem bzw. jugendlichem Blickwinkel. In der Dimension ‚Emotionen und Empathie‘ kollidiert der Erwartungsdruck, angesichts der „-losigkeit“ (Ballis und Gloe 2019) von Genozid auf eine bestimmte Weise emotional oder empathisch reagieren zu sollen, mit dem Befund, dass die Wirklichkeit des Massenmords sprachlich nicht mitteilbar ist. Moral erweist sich als eine didaktisch ambivalente Dimension, da Genozid-Jugendliteratur zum einen vielfach Konflikte darstellt, die zur moralischen Urteilsbildung in der Auseinandersetzung mit dem „moralische(n] Gattungsbruch“ (Zimmermann 2012, S. 111) anregen. Zum anderen dürfen die literarischen Texte nicht moralisierend und reduktionistisch als Vehikel zur Vermittlung moralischer Merksätze instrumentalisiert werden. Der bewusste, kritisch-reflektierende Umgang mit der Narrativität und Fiktionalität literarischer Geschichtserzählungen ist einer weiteren Dimension zugeordnet. In der rassismuskritischen und postkolonialen Dimension liegt der Fokus im Sinne von Genozid-Prävention auf der Sensibilisierung für das Fortwirken von Differenzproduktion und Diskriminierung in der Gegenwart.