Die Arbeit wirft Fragen nach dem spezifischen Beitrag von Holocaust-Kinder- und Jugendliteratur zu einer sich verändernden Erinnerungskultur und Holocaust Education auf. Einflussfaktoren dieser Veränderung sind zum einen generationelle und zum anderen transnationale Perspektiven auf das Gedächtnis des Holocausts. Diese Perspektiven fordern im Rahmen einer Anerkennungsgeschichte die Thematisierung der Shoah (des NS-Genozids an den Jüdinnen und Juden) im Vergleichsrahmen eines übergreifenden Genozid-Gedächtnisses heraus. Die Arbeit schlägt in diesem Zusammenhang die Erweiterung des erinnerungskulturellen Rahmens vor, indem sie gegenstandsseitig neben Jugendliteratur über die Shoah auch solche über andere Genozide in den Blick nimmt. Diese Texte sind erzählstrukturell und poetologisch eng miteinander verbunden, da gezeigt werden kann, dass die Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Jüdinnen und Juden paradigmatische literarische Formen des Sprechens über andere Völkermorde des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Diese Formen werden hier für das jugendliterarische Feld typologisch beispielbezogen beschrieben. Ausgehend von den Typenbeschreibungen werden Potenziale im Sinne eines literaturdidaktischen Konzepts aufgezeigt, das an Zielen der Holocaust Education und Menschenrechtsbildung, der multidirektionalen Überwindung von Opfer-Kompetition sowie an rassismus- und diskriminierungssensiblen Ansätzen ausgerichtet ist. Der literaturdidaktische Blick auf den Umgang mit Holocaust- und Genozid-Jugendliteratur erweist einen auf die Vermittlung von Kompetenzen ausgerichteten Literaturunterricht als inadäquat. Vielmehr sollten literaturunterrichtlich in fünf hier beschriebenen Dimensionen Möglichkeiten literarischer Erfahrung und literarischen (Nicht-)Verstehens gemeinsam mit den Schüler*innen ausgelotet werden. In diesen Dimensionen geht es um das Anstoßen einer fragenden Haltung, die die Einübung formaler Betroffenheitsreaktionen überwindet.

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Einleitung: Jugendliteratur und die (Ko-)Erinnerung an Holocaust und ‚andere‘ Genozide

  • Julian Kanning

摘要

Die Arbeit wirft Fragen nach dem spezifischen Beitrag von Holocaust-Kinder- und Jugendliteratur zu einer sich verändernden Erinnerungskultur und Holocaust Education auf. Einflussfaktoren dieser Veränderung sind zum einen generationelle und zum anderen transnationale Perspektiven auf das Gedächtnis des Holocausts. Diese Perspektiven fordern im Rahmen einer Anerkennungsgeschichte die Thematisierung der Shoah (des NS-Genozids an den Jüdinnen und Juden) im Vergleichsrahmen eines übergreifenden Genozid-Gedächtnisses heraus. Die Arbeit schlägt in diesem Zusammenhang die Erweiterung des erinnerungskulturellen Rahmens vor, indem sie gegenstandsseitig neben Jugendliteratur über die Shoah auch solche über andere Genozide in den Blick nimmt. Diese Texte sind erzählstrukturell und poetologisch eng miteinander verbunden, da gezeigt werden kann, dass die Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Jüdinnen und Juden paradigmatische literarische Formen des Sprechens über andere Völkermorde des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Diese Formen werden hier für das jugendliterarische Feld typologisch beispielbezogen beschrieben. Ausgehend von den Typenbeschreibungen werden Potenziale im Sinne eines literaturdidaktischen Konzepts aufgezeigt, das an Zielen der Holocaust Education und Menschenrechtsbildung, der multidirektionalen Überwindung von Opfer-Kompetition sowie an rassismus- und diskriminierungssensiblen Ansätzen ausgerichtet ist. Der literaturdidaktische Blick auf den Umgang mit Holocaust- und Genozid-Jugendliteratur erweist einen auf die Vermittlung von Kompetenzen ausgerichteten Literaturunterricht als inadäquat. Vielmehr sollten literaturunterrichtlich in fünf hier beschriebenen Dimensionen Möglichkeiten literarischer Erfahrung und literarischen (Nicht-)Verstehens gemeinsam mit den Schüler*innen ausgelotet werden. In diesen Dimensionen geht es um das Anstoßen einer fragenden Haltung, die die Einübung formaler Betroffenheitsreaktionen überwindet.