Einleitung und erste Orientierung
摘要
Der gesellschaftliche Wohlstand und das konstant breite Angebot an Lebensmitteln in der westlichen Welt fußen auf einer technisierten Landwirtschaft. In der konventionellen Landwirtschaft gehören Pestizide zum Alltagsgeschäft. Der weltweit am meisten eingesetzte herbizide Wirkstoff ist Glyphosat. Zudem wird Glyphosat zur Tilgung von Pflanzen an Bahnschienen, Strommasten oder in der Gartenpflege eingesetzt (vgl. Benbrook 2016). Gleichzeitig ist Glyphosat Gegenstand zahlreicher Debatten: Es geht um die Gefährdung der Biodiversität (vgl. Vainio 2020), um die Entstehung resistenter Beikräuter (vgl. Bain et al. 2017), um wissenschaftliche Auseinandersetzungen bezüglich der Risiko- und Gefahreneinschätzungen (vgl. Clausing 2017; Tarazona et al. 2017), um Einflussnahme von Herstellerfirmen auf Behörden und Wissenschaft (vgl. Krimsky und Gillam 2018), um sich widersprechende Einschätzungen bezüglich des Krebsrisikos durch Glyphosat (vgl. IARC 2017 vs. ECHA 2017 und U.S. EPA 2020) sowie um gerichtliche Klagen, wegen gesundheitlicher Schäden durch die Verwendung von Glyphosat (vgl. Krimsky und Gillam 2018). An den genannten Themen lässt sich erahnen, dass Glyphosat mehr als ein chemischer Stoff und menschengemachtes Risiko ist – Glyphosat hat ein vielschichtiges Konfliktpotenzial und es scheint zu einem Symbol für die industrialisierte Großlandwirtschaft geworden zu sein. Menschengemachte Risiken besitzen hohen „politischen Zündstoff“ (Beck 2016, S. 31) und damit ein hohes Potenzial der Politisierung. Im Kern ist Glyphosat ein chemischer Stoff und damit an sich ein Gegenstand der Wissenschaft (oder aus Praxissicht ein Gegenstand zur Bearbeitung von Grünflächen). Allerdings muss Glyphosat von Behörden geprüft und zugelassen werden, womit die Chemikalie zwangsläufig zum Gegenstand der Politik wird. Die behördliche und damit politische Auseinandersetzung mit Glyphosat stellt im vorliegenden Verständnis jedoch noch keine Politisierung dar. Letztere umfasst mehr Aspekte, wie später ausgeführt wird. Bestimmte Kontextfaktoren fördern die Politisierung von Glyphosat und deren Stärke. Die Modellierung dieser Bedingungen ist eine zentrale Zielsetzung dieser Arbeit. Inwiefern Glyphosat zu einem Politikum wird, soll auf Basis öffentlicher Kommunikation analysiert werden, dabei soll nicht die Kommunikation spezifischer Interessensvertretungen untersucht werden, sondern massenmediale Kommunikation, die als Arena der zentralen Akteure und Argumente fungiert. Um festzustellen, welche Bedingungen eine Politisierung von Glyphosat fördern, ist eine kontextvergleichende Perspektive produktiv, weswegen die Kontexte und damit auch die Berichterstattung zweier Länder, Deutschland und den USA, miteinander verglichen werden. Akteure, die sich und ihre Perspektiven in der Berichterstattung durchsetzen, werden als zentrale Setzer (Sponsors) von Deutungsrahmen bestimmter Themen verstanden (vgl. Carragee und Roefs 2004). Massenmediale Deutungsrahmen (Synonym: Frames) konstruieren Themen so, dass diese mit einer bestimmten Schlagseite und so implizit mit einer spezifischen Perspektive auf das Thema vermittelt werden (vgl. Gamson 1989). Daher werden für die Analyse und Modellierung der Politisierung von Glyphosat Frames als Analysezugang gewählt. Massenmedien haben in der Wissens- und Meinungsbildung zu landwirtschaftlichen Themen eine zentrale Funktion, weil die meisten Menschen keinen direkten Kontakt zur Landwirtschaft haben, sondern ihr Wissen darüber aus den Massenmedien gewinnen (vgl. Böhm et al. 2010). Zugleich ist seit geraumer Zeit ein gestiegenes Interesse und ebenso eine steigende Berichterstattung über Landwirtschaft und Ernährung zu verzeichnen (Kayser et al. 2011, S. 72). Für die kommunikationswissenschaftliche Forschung lässt sich dies nicht feststellen. Während eine solide Basis an Studien zur massenmedialen Darstellung des Klimawandels (vgl. beispielhaft Post und Ramirez 2018 oder Schäfer et al. 2012) sowie Themen der (grünen und roten) Biotechnologie (vgl. beispielhaft Bonfadelli 2012 oder Brossard und Nisbet 2007) existiert, gibt es kaum kommunikationswissenschaftliche Forschung zu ‚konservativen‘ landwirtschaftlichen Themen jenseits grüner Gentechnik (vgl. Abschn. 5.2 , Forschungsstand). Diese Arbeit richtet somit den thematischen Blick auf einen in der Kommunikationswissenschaft wenig beachteten Gegenstand menschengemachter Risiken. Nach dieser ersten Orientierung zu den Themenbereichen der Arbeit werden nun ihre Zielsetzungen, ihre Einordnung in die Risikokommunikation sowie ihr Ansatz als ländervergleichende Analyse näher vorgestellt.