Psychoanalyse und Soziologie
摘要
Für Freud ist die Soziologie angewandte Psychologie, d. h. die Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse auf die Erklärung der Genese sozialer Einrichtungen. Der Kritik der Religion kommt in seinen gesellschafts- und kulturtheoretischen Arbeiten paradigmatischer Charakter zu. Auch wenn seine Spekulationen zur Entstehung der Religion in Totem und Tabu von der Kulturanthropologie als wissenschaftlich unhaltbar zurückgewiesen werden, hält Freud sein Leben lang daran fest. Ende der 1920er-Jahre will er die von ihm behauptete Ubiquität des Ödipus-Komplexes auch in ethnologischen Feldstudien empirisch absichern lassen. Freuds Ausdehnung der Psychoanalyse auf Fragen der Soziologie stößt unter marxistisch orientierten Psychoanalytikern auf Ablehnung. Gegen kommunistische Angriffe auf den ‚Freudismus‘ suchen sie die Psychoanalyse als eine auf die Psychologie des Individuums beschränkte Naturwissenschaft auszugeben. In Opposition zu dieser Gruppe wendet Siegfried Bernfeld ein, dass sich die Psychoanalyse in der Wahl ihrer Gegenstände keinem politischen Dogma beugen dürfe; ob sie zu Fragestellungen der Soziologie etwas beitragen kann, zeige sich erst in ihrer Anwendung auf diese Fragestellungen. Bernfeld ist es schließlich auch, der die durch Freud vorgegebene Fragerichtung umkehrt und den Nutzen soziologischen Denkens für die Psychoanalyse zu thematisieren beginnt.