Plurale Lebenswelten, wirtschaftliche Instabilität und politische Gemeinschaftsträume
摘要
Die Gesellschaft des deutschen Reiches in der Zwischenkriegszeit (1918–1938) blieb geprägt von den Klassengegensätzen, welche sich aus dem Industrialisierungsschub des späten Kaiserreichs ergaben. Anknüpfend an die zeitgenössische Sozialstrukturanalyse lassen sich für den mehrheitlich industriell-städtischen Teil der deutschen Gesellschaft fünf sozio-ökonomische Lagegruppen unterscheiden: neben Bürgertum und Proletariat behaupteten sich der alte selbständige Mittelstand sowie die mittleren Erwerbsbezieher mit Beamten- oder Angestelltenstatus. Daneben existierte eine relativ große Gruppe sozio-ökonomisch prekärer Selbständiger zwischen Arbeiterschaft und Mittelschichten. Besonderes Gewicht kam aber weiterhin den Besonderheiten des ländlichen Sozialraums zu, dessen bäuerlich-agrarische Prägungen in den wirtschaftlichen und sozialen Ausnahmesituationen von Krieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise in einen scharfen Gegensatz zur Industriellen Großstadtmoderne traten. Diese Triggerpunkte wurden verstärkt durch weitere konjunktur- und kriegsbedingte gesellschaftliche Konflikte zwischen Alt und Jung, durch Geschlechterrollen und Sozialleistungen. Diese zeitgenössischen Triggerpunkte nutzte die NSDAP erfolgreich auf ihrem Weg zur Diktaturerrichtung. Die lautstark propagierte „Volksgemeinschaft“ der Diktaturjahre blieb eine autoritär demobilisierte Klassengesellschaft mit scharfen Ausgrenzungen von Juden und anderen Gruppen.