Wilhelm Jerusalem betrachtete in seinem vor allem an der Philosophie orientierten Lehrbuch der Soziologie die evolutionären Veränderungen von Denken, Fühlen und Wollen von Gruppen und Individuen in ihrer jeweiligen Wechselbeziehung. Psychologisch ausgebildet, wenn auch abseits von Sigmund Freud und Alfred Adler stehend, beschäftigte er sich mit der allmählichen Loslösung der Individuen aus den sie vormals zwingenden Allgemeinvorstellungen, was seine genetische Erkenntnislehre früh in Gegensatz zu einer von ihm als aprioristisch gedeuteten Phänomenologie brachte. Jerusalems Soziologie beruht auf einem vor allem in der Ethnopsychologie und -soziologie empirisch fundierten kritischen Realismus. – Adolf Menzels Zugang zur Soziologie ist vornehmlich der eines Rechts- und Staatswissenschaftlers. Im Unterschied zu Jerusalem hat er einen wachen Blick auf die internationale Szene des Faches, auf die mannigfaltigen Formen Spezieller Soziologien sowie auf die Nachbarfächer und die oft von dort entlehnten Methoden der Soziologie. Im Falle beider Autoren ist die allgemeine Anlage ihrer soziologischen Lehrbücher doch deutlich verschieden vom Pragmatismus und dem damit einhergehenden unmittelbaren Bezug auf soziale Probleme, wie man dies z. B. von ihren US-amerikanischen Zeitgenossen kennt. Das mindert nicht den Wert der in Betracht gezogenen Lehrbücher, sofern man nicht allein den (bei Jerusalem weitgehend fehlenden) Anwendungsbezug des Faches in den Vordergrund stellt, sondern sich auch einen Sinn für Bildungs- und Aufklärungswissen bewahrt hat.

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Soziologische Lehrbücher in Österreich: Wilhelm Jerusalems Einführung in die Soziologie und Adolf Menzels Grundriss der Soziologie

  • Karl Acham

摘要

Wilhelm Jerusalem betrachtete in seinem vor allem an der Philosophie orientierten Lehrbuch der Soziologie die evolutionären Veränderungen von Denken, Fühlen und Wollen von Gruppen und Individuen in ihrer jeweiligen Wechselbeziehung. Psychologisch ausgebildet, wenn auch abseits von Sigmund Freud und Alfred Adler stehend, beschäftigte er sich mit der allmählichen Loslösung der Individuen aus den sie vormals zwingenden Allgemeinvorstellungen, was seine genetische Erkenntnislehre früh in Gegensatz zu einer von ihm als aprioristisch gedeuteten Phänomenologie brachte. Jerusalems Soziologie beruht auf einem vor allem in der Ethnopsychologie und -soziologie empirisch fundierten kritischen Realismus. – Adolf Menzels Zugang zur Soziologie ist vornehmlich der eines Rechts- und Staatswissenschaftlers. Im Unterschied zu Jerusalem hat er einen wachen Blick auf die internationale Szene des Faches, auf die mannigfaltigen Formen Spezieller Soziologien sowie auf die Nachbarfächer und die oft von dort entlehnten Methoden der Soziologie. Im Falle beider Autoren ist die allgemeine Anlage ihrer soziologischen Lehrbücher doch deutlich verschieden vom Pragmatismus und dem damit einhergehenden unmittelbaren Bezug auf soziale Probleme, wie man dies z. B. von ihren US-amerikanischen Zeitgenossen kennt. Das mindert nicht den Wert der in Betracht gezogenen Lehrbücher, sofern man nicht allein den (bei Jerusalem weitgehend fehlenden) Anwendungsbezug des Faches in den Vordergrund stellt, sondern sich auch einen Sinn für Bildungs- und Aufklärungswissen bewahrt hat.