Im Kontext von Konfuzius’ „Durch Güte vergelte man Güte (以德报德)“ sollte Gerechtigkeit vor allem auf einer intersubjektiven Verpflichtung beruhen, die sich in der Ermutigung und Erleichterung der moralischen Pflichterfüllung äußert. Jede Person hat vor allem eine positive Pflicht gegenüber anderen, sicherzustellen, dass moralische Pflichten in einem wechselseitigen Rahmen erfüllt werden – nicht durch einseitige Aufopferung. Damit die Gegenseitigkeit in der politischen Ethik des Konfuzianismus nicht lediglich auf theoretischer Ebene als „Ohnmacht des bloßen Sollens“ verbleibt, sondern auf praktischer Ebene in institutionellen Verfahren als wirksames Mittel gegen jede bestehende Ungerechtigkeit zur Geltung gebracht werden kann, ist eine Rekonstruktion der intersubjektiven Verpflichtung des Konfuzianismus auf institutioneller Ebene erforderlich. Auf institutioneller Ebene sollte die auf den allseitigen Vorteil und die Vermeidung der individuellen Opferbereitschaft gerichtete Gerechtigkeit auf zwei Säulen stehen: Eine Säule stellt die politische Fähigkeit dar. Mit der politischen Fähigkeit kann jeder Betroffene aufgrund des unbeschränkten Mitwirkungsrechts und der Verfügbarkeit nötiger Ressourcen jederzeit an deliberativen Verfahren teilnehmen, die Möglichkeit zur Solidarisierung mit anderen nutzen und die Forderung des Betroffenen kann sich verfahrensmäßig im Rahmen eines umfangreichen Diskurses durch Gewinnung der Mehrheit dann mit geltendem Recht auf den anderen beziehen. Die andere Säule betrifft die Gegenseitigkeit zwischen Mehrheit und Minderheit. Jeder Rechtsurheber, insbesondere die bestehende Mehrheit, wird nach Maßgabe der Gegenseitigkeit zum reziprok vorteilhaften Diskurs mit der Minderheit gezwungen.

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Der duale Kern der Gerechtigkeit: politische Fähigkeit und Gegenseitigkeit

  • Botao Wang

摘要

Im Kontext von Konfuzius’ „Durch Güte vergelte man Güte (以德报德)“ sollte Gerechtigkeit vor allem auf einer intersubjektiven Verpflichtung beruhen, die sich in der Ermutigung und Erleichterung der moralischen Pflichterfüllung äußert. Jede Person hat vor allem eine positive Pflicht gegenüber anderen, sicherzustellen, dass moralische Pflichten in einem wechselseitigen Rahmen erfüllt werden – nicht durch einseitige Aufopferung. Damit die Gegenseitigkeit in der politischen Ethik des Konfuzianismus nicht lediglich auf theoretischer Ebene als „Ohnmacht des bloßen Sollens“ verbleibt, sondern auf praktischer Ebene in institutionellen Verfahren als wirksames Mittel gegen jede bestehende Ungerechtigkeit zur Geltung gebracht werden kann, ist eine Rekonstruktion der intersubjektiven Verpflichtung des Konfuzianismus auf institutioneller Ebene erforderlich. Auf institutioneller Ebene sollte die auf den allseitigen Vorteil und die Vermeidung der individuellen Opferbereitschaft gerichtete Gerechtigkeit auf zwei Säulen stehen: Eine Säule stellt die politische Fähigkeit dar. Mit der politischen Fähigkeit kann jeder Betroffene aufgrund des unbeschränkten Mitwirkungsrechts und der Verfügbarkeit nötiger Ressourcen jederzeit an deliberativen Verfahren teilnehmen, die Möglichkeit zur Solidarisierung mit anderen nutzen und die Forderung des Betroffenen kann sich verfahrensmäßig im Rahmen eines umfangreichen Diskurses durch Gewinnung der Mehrheit dann mit geltendem Recht auf den anderen beziehen. Die andere Säule betrifft die Gegenseitigkeit zwischen Mehrheit und Minderheit. Jeder Rechtsurheber, insbesondere die bestehende Mehrheit, wird nach Maßgabe der Gegenseitigkeit zum reziprok vorteilhaften Diskurs mit der Minderheit gezwungen.