Der Beitrag untersucht die aktuellen Repräsentations- und Verfassungskrisen in demokratischen Staaten und in der römisch-katholischen Kirche in vergleichender Perspektive. Ausgehend von der Erosion demokratischer Rechtsbindung und dem zunehmenden Autoritarismus politischer Akteure wird gezeigt, dass auch die katholische Kirche mit strukturell ähnlichen Problemen der Machtkonzentration und fehlenden Rechtskontrolle konfrontiert ist. Das monarchisch-hierarchische Kirchenverständnis, das im Codex Iuris Canonici von 1983 fortgeschrieben wurde, steht im Widerspruch zur pneumatologisch begründeten Volk-Gottes-Ekklesiologie des II. Vatikanums. Insbesondere das Fehlen einer unabhängigen kirchlichen Justiz und die faktische Immunität bischöflicher Entscheidungsträger gefährden rechtsstaatliche Prinzipien innerhalb der Kirche. Reformbestrebungen im Rahmen der Synodalität bleiben bislang ohne substanzielle rechtliche Konsequenzen. Der Aufsatz plädiert für eine theologisch und rechtlich fundierte Neubestimmung kirchlicher Repräsentanz und Normbindung, um die Glaubwürdigkeit und Zukunftsfähigkeit der Kirche im Horizont demokratischer Verfassungsprinzipien zu sichern.

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„Wir sind das Volk! Oder doch nicht?“ – Abseitige Gedanken zu Politik und katholischer Kirche

  • Thomas Schüller

摘要

Der Beitrag untersucht die aktuellen Repräsentations- und Verfassungskrisen in demokratischen Staaten und in der römisch-katholischen Kirche in vergleichender Perspektive. Ausgehend von der Erosion demokratischer Rechtsbindung und dem zunehmenden Autoritarismus politischer Akteure wird gezeigt, dass auch die katholische Kirche mit strukturell ähnlichen Problemen der Machtkonzentration und fehlenden Rechtskontrolle konfrontiert ist. Das monarchisch-hierarchische Kirchenverständnis, das im Codex Iuris Canonici von 1983 fortgeschrieben wurde, steht im Widerspruch zur pneumatologisch begründeten Volk-Gottes-Ekklesiologie des II. Vatikanums. Insbesondere das Fehlen einer unabhängigen kirchlichen Justiz und die faktische Immunität bischöflicher Entscheidungsträger gefährden rechtsstaatliche Prinzipien innerhalb der Kirche. Reformbestrebungen im Rahmen der Synodalität bleiben bislang ohne substanzielle rechtliche Konsequenzen. Der Aufsatz plädiert für eine theologisch und rechtlich fundierte Neubestimmung kirchlicher Repräsentanz und Normbindung, um die Glaubwürdigkeit und Zukunftsfähigkeit der Kirche im Horizont demokratischer Verfassungsprinzipien zu sichern.