Islamisches Recht neu verorten? Einblicke in islamisch-theologische Entwicklungen in Deutschland
摘要
Die islamrechtliche Tradition hat über Jahrhunderte hinweg eine eigenständige Systematik, Rechtstheorie und -methodik entwickelt, die mit Modifikationen, Anpassungen und Neujustierungen fortbestehen konnte. Obschon es in der frühen Entwicklung des islamischen Rechts eine hohe Dynamik gab und viele konkurrierende Entwürfe der Rechtssystematik zeitgleich existierten (Hallaq 2005, S. 1–36), etablierte sich im 9. bis 10. Jahrhundert eine Erkenntnislehre und Rechtshermeneutik, die das Rechtsdenken ab diesem Zeitpunkt dominierte (Gleave 2012). Diese Hermeneutik lässt sich als textzentrierte Hermeneutik beschreiben: Die religiöse Einordnung von Handlungen – ob sie legitim, geboten, verboten, empfohlen etc. sind – erfolgt entweder durch die Auslegung der religiösen Texte Koran und Sunna (d. h. die Summe der überlieferten Aussagen und Handlungen des Propheten Muhammad) oder durch Rückgriff auf Prinzipien und Grundannahmen, die aus diesen Quellen hergeleitet wurden (Kurnaz 2016). In dieser Systematik befassten sich die Gelehrten mit dem materiellen Recht im sogenannten Genre der furūʿ al-fiqh, den Zweigen des Rechts, wogegen sie rechtstheoretische, -methodische und -philosophische Themen vornehmlich im Genre besprachen, das sie als Grundlagen des Rechts (uṣūl al-fiqh) beschrieben haben. Möchten wir zusammenfassen, welche Themen insbesondere innerhalb der islamischen Rechtsmethodik diskutiert wurden, können wir die Themen in fünf Hauptthemen zusammenfassen: 1) Quellen des islamischen Rechts, 2) Methoden, die für die Herleitung von Normen in Erwägung gezogen werden dürfen, 3) Normkategorien, 4) juristische Verantwortung und 5) Qualifikation und Kompetenzen von Rechtsgelehrten. Neben diesen Hauptthemen können Rechtsgelehrte je nach Rechtsschulzugehörigkeit auch solche diskutieren, die wir als systematisch-theologische oder sprachwissenschaftliche Themen einordnen können. Fragestellungen und Konzepte, die nach unserer heutigen Vorstellung dem Bereich der Rechtsphilosophie zugehören, wie etwa Fragen des Naturrechts, der Gerechtigkeit, der Staatsform und das Verhältnis zwischen Recht und Ethik werden in den Werken zu den uṣūl al-fiqh nicht gesondert thematisiert, werden aber in verschiedenen Disziplinen der islamischen Theologie und Philosophie besprochen (Kurnaz 2023).