Kapitel 6 untersucht, wie Kriminalstatistiken im Spannungsfeld von Migration, Männlichkeit und Ehrkultur zu lesen sind. Den Ausgangspunkt bildet die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die zwar Trends abbildet, aber durch Anzeigeverhalten, Polizeipraxis und grobe Kategorien („deutsch/nichtdeutsch“) verzerrt wird. Zwischen 2015 und 2024 schwankte die registrierte Gewaltkriminalität: Anstieg 2016 infolge von Konflikten in Flüchtlingsunterkünften, Rückgang bis 2019, pandemiebedingtes Tief 2021 und ein kräftiger Nachholeffekt bis 2024. Zwischen 2015 (181.000 Fälle) und 2024 (217.000) stieg die registrierte Gewalt um rund 20 %, wobei junge Männer mit und ohne Migrationshintergrund über 80 % der Tatverdächtigen ausmachen. Gleichzeitig erhöhte sich der Ausländeranteil an der Bevölkerung nur von 10 % auf 17 %. Die Überrepräsentation nichtdeutscher Tatverdächtiger erklärt sich überwiegend durch Altersstruktur, Urbanität, Kontrollintensität und sozioökonomische Faktoren. Geschlecht ist der stärkste Prädiktor; ehrkulturelle Normen können Gewalt verstärken, sind jedoch transkulturell. Dunkelfeld- und Landesstudien belegen, dass sich Delinquenzraten mit Aufenthaltsdauer und erfolgreicher Integration angleichen. Das Kapitel plädiert für präzisere Datenerhebung und eine differenziertere Datenauswertung, präventive Sozial- und Integrationspolitik sowie eine entstigmatisierende Debatte. Zudem warnt es, dass mediale Überbetonung einzelner Fälle und politische Instrumentalisierung Stereotype verstärken und gesellschaftliche Spaltung vertiefen.

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Kriminalstatistik im Kontext von Migration, Männlichkeit und Ehrkultur

  • Ibrahim Ezzedine

摘要

Kapitel 6 untersucht, wie Kriminalstatistiken im Spannungsfeld von Migration, Männlichkeit und Ehrkultur zu lesen sind. Den Ausgangspunkt bildet die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), die zwar Trends abbildet, aber durch Anzeigeverhalten, Polizeipraxis und grobe Kategorien („deutsch/nichtdeutsch“) verzerrt wird. Zwischen 2015 und 2024 schwankte die registrierte Gewaltkriminalität: Anstieg 2016 infolge von Konflikten in Flüchtlingsunterkünften, Rückgang bis 2019, pandemiebedingtes Tief 2021 und ein kräftiger Nachholeffekt bis 2024. Zwischen 2015 (181.000 Fälle) und 2024 (217.000) stieg die registrierte Gewalt um rund 20 %, wobei junge Männer mit und ohne Migrationshintergrund über 80 % der Tatverdächtigen ausmachen. Gleichzeitig erhöhte sich der Ausländeranteil an der Bevölkerung nur von 10 % auf 17 %. Die Überrepräsentation nichtdeutscher Tatverdächtiger erklärt sich überwiegend durch Altersstruktur, Urbanität, Kontrollintensität und sozioökonomische Faktoren. Geschlecht ist der stärkste Prädiktor; ehrkulturelle Normen können Gewalt verstärken, sind jedoch transkulturell. Dunkelfeld- und Landesstudien belegen, dass sich Delinquenzraten mit Aufenthaltsdauer und erfolgreicher Integration angleichen. Das Kapitel plädiert für präzisere Datenerhebung und eine differenziertere Datenauswertung, präventive Sozial- und Integrationspolitik sowie eine entstigmatisierende Debatte. Zudem warnt es, dass mediale Überbetonung einzelner Fälle und politische Instrumentalisierung Stereotype verstärken und gesellschaftliche Spaltung vertiefen.