Der Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten in Sachsen: Eine empirische Analyse gängiger Erklärungsmodelle von Kriminalitätsfurcht
摘要
Die vorliegende Studie untersucht den sogenannten Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten in Sachsen auf Basis der Daten der SKiSAX-Studie (Melcher et al. 2024). Der Geschlechterunterschied ist in der internationalen und deutschen Forschung gut dokumentiert: Frauen zeigen signifikant häufiger als Männer kriminalitätsvermeidendes Verhalten, etwa durch das Meiden bestimmter Orte oder indem sie vermeiden, allein im Dunkeln unterwegs zu sein. Ziel der vorliegenden Analyse ist es, gängige Erklärungsmodelle der Kriminalitätsfurcht auf ihre Erklärungskraft für diesen Gender Fear Gap hin zu überprüfen. Die Studie greift gängige theoretische Ansätze aus der Literatur zur Erklärung von Sicherheitsgefühl auf und untersucht, inwiefern diese zur Erklärung des Gender Fear Gaps im Vermeidungsverhalten beitragen. Dabei werden theoretische Konzepte wie Vulnerabilität, Viktimisierung, die Rolle der affektiven Furcht vor Sexualdelikten und Gewalt, die Wirkung von Disorder und informelle soziale Kontrolle sowie die Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen untersucht. Auf Basis dieser Theorien werden geschlechtsspezifische Hypothesen aus der Literatur abgeleitet und mit multivariaten Regressionsmodellen sowie einer Oaxaca-Blinder-Dekomposition überprüft. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere die deliktspezifische affektive Kriminalitätsfurcht einen starken Einfluss auf das Vermeidungsverhalten hat. Frauen zeigen häufiger Furcht vor sexueller Belästigung und Gewalt, was sich signifikant auf ihr Vermeidungsverhalten auswirkt. Diese Furcht erklärt einen großen Teil des beobachteten Gender Fear Gaps. Auffällig ist jedoch, dass auch bei Männern die Furcht vor Gewalt ein relevanter Prädiktor für Vermeidungsverhalten ist – sogar stärker als bei Frauen. Dies widerspricht der Annahme, dass nur Frauen durch spezifische Viktimisierungsfurcht beeinflusst werden. Weitere relevante Erklärungsfaktoren sind Persönlichkeitsmerkmale, insbesondere Neurotizismus und Gewissenhaftigkeit, die bei Männern stärker mit Vermeidungsverhalten korrelieren. Die Wahrnehmung von Incivilities im Wohnumfeld hat hingegen nur geringe direkte Effekte auf das Vermeidungsverhalten. Es zeigt sich die Notwendigkeit, unterschiedliche Arten von Incivilities zu unterscheiden, da diese unterschiedlich wirken. Beispielsweise hat zwar die Präsenz von Jugendgruppen einen starken Effekt, aber gleichermaßen bei beiden Geschlechtern, während physische Incivilities nur bei Frauen signifikant wirken. Ebenso reduziert eine höhere soziale Kohäsion in der Nachbarschaft das Vermeidungsverhalten, allerdings ebenfalls in erster Linie bei Männern. In der Oaxaca-Blinder-Dekomposition zeigt sich, dass der beobachtete Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten nur zum Teil durch Unterschiede in den erklärenden Variablen entsteht. Ein erheblicher Teil des Gender Gaps lässt sich auf Unterschiede in der Stärke der Koeffizienten zurückführen, beispielsweise bei den Furchtvariablen, physischen Incivilities und Persönlichkeitsmerkmalen. Die Studie liefert somit differenzierte empirische Evidenz dafür, dass der Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten sowohl auf strukturelle Unterschiede in der Lebenssituation als auch auf unterschiedliche emotionale und psychologische Reaktionen auf wahrgenommene Bedrohungen zurückzuführen ist. Sie unterstreicht die Notwendigkeit, Kriminalitätsfurcht als verhaltensprägendes Phänomen mit weitreichenden Auswirkungen auf die gesellschaftliche Teilhabe zu begreifen.