Un/Gleichzeitigkeit revisited
摘要
Unser Beitrag nimmt die im Rahmen einer Reihe von Werkstattgesprächen mit dem Titel „Rhetorische Modernisierung? Ungleichzeitigkeiten im Geschlechterdiskurs“ vor einigen Jahren an der Universität Paderborn begonnenen und sehr fruchtbaren Diskussionen erneut auf, an denen sich neben anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Geschlechterforschung auch Mechthild Bereswill mit großem Engagement beteiligt hat (Rendtorff et al. 2019). Das von der Thyssen-Stiftung finanziell unterstützte Projekt ging zunächst von dem Befund aus, dass die mit der Bürgerlichen Gesellschaft herausgebildeten Weiblichkeits- und Männlichkeitskonzeptionen in den letzten Jahrzehnten auf verschiedenen Ebenen sehr grundlegend in Bewegung geraten sind. Wir diskutierten die beobachtbaren Neubestimmungen und teilweise Verschiebungen traditioneller Geschlechterarrangements, von normativen geschlechtsbezogenen Erwartungen und Zuschreibungen, die auf einen grundlegenden historischen Bruch mit überkommenen Geschlechterkonstruktionen hinzudeuten scheinen – aber zugleich lassen sich vielzählige Hinweise auf ein Überdauern alter, verfestigter Strukturen und sogar auf (Re)Traditionalisierungstendenzen erkennen. Wir stellten uns die Frage, ob die beobachtbaren offensichtlichen gesellschaftlichen Veränderungen in den Geschlechterkonstruktionen als Ausdruck einer Deinstitutionalisierung der Geschlechterungleichheit und -differenz gewertet werden sollten, auch eines Brüchigwerdens der ‚Heterosexuellen Matrix‘ der Geschlechterordnung, die nur noch keine ausgestalteten Formen der Selbstpositionierung und Praxen jenseits der Entgegensetzung von Männlichkeit und Weiblichkeit hervorgebracht hat. Sind also die Gegentendenzen gewissermaßen als letzte ‚Zuckungen‘ einer überkommenen Geschlechterordnung zu analysieren? Oder müssen die erkennbaren Persistenzen und zum Teil Rücknahmen bereits erreichter Geschlechtergleichheiten in den Grundzügen gesellschaftlicher Geschlechterbilder als Hinweis darauf gelesen werden, dass wir es lediglich mit oberflächlichen und moderaten Verschiebungen und Umverteilungen zu tun haben, mit eher überschätzten Umgewichtungen, die jedoch die Grundstruktur der (heteronormativen) Geschlechterordnung nicht tangieren – etwa, weil die Gesellschaft auf die Grundlegung von ‚gendered substructures‘ nicht verzichten will (oder kann)? Oder ist es notwendig, die beobachtbaren Entwicklungen mit ganz neuen Interpretationsfolien zu betrachten, um ihrer Bedeutung gerecht zu werden?