Sexuelle Gewalt in der Kindheit und Bildung – Wissensgenerierung durch Aufarbeitung und Zeugenschaft
摘要
Der Beitrag fokussiert sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen als internationales und institutionell gerahmtes pädagogisches Phänomen aus einer kindheitstheoretischen Perspektive. Methodisch basiert er auf einem vergleichsweise neuen Weg, um Wissen über Unrecht an Kindern und Jugendlichen und sexuelle Gewalt zu generieren: Seit den 1990er Jahren liegen Erfahrungen mit und Berichte von Aufarbeitungskommissionen weltweit vor, die mit dem Konzept der Zeugenschaft arbeiten. Überwiegend wird dabei die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und der Misshandlung von Kindern und Jugendlichen in institutionellen Erziehungs- und Bildungssettings aller Art adressiert. Für den vorliegenden Beitrag wurden Berichte, die Aufarbeitungskommissionen aus Deutschland, Australien, England und Kanada (Eine Auswahl von internationalen Kommissionen findet sich auf der Homepage der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland (https://www.aufarbeitungskommission.de/kommission/aufarbeitung/aufarbeitung-international, abgerufen am 2. März 2023). Eine weitere Übersicht über Kommissionen und Untersuchungen international bietet die Website https://www.lib.latrobe.edu.au/research/ageofinquiry/index.html des Department of Social Inquiry der La Trobe University in Melbourne Australien unter der Überschrift: „The age of inquiry. A global mapping of institutional abuse inquiries“ (abgerufen am 17.03.2023) veröffentlicht haben, herangezogen und der Frage nachgegangen, auf welche Weise betroffene Menschen hierin das Verhältnis von Bildung, Erziehung und Gewalterfahrungen beschreiben, also welche Bezüge zu pädagogischen institutionellen Settings und Bildungsprozessen hergestellt werden. Eine grundlegende Fragestellung, die nicht nur, aber vor allem auch für im Bildungsbereich tätige pädagogische Fachkräfte relevant ist. Dabei zeigt sich als ein grundlegendes Ergebnis, dass in allen untersuchten Berichten der Aufarbeitungskommissionen pädagogische Settings bzw. institutionalisierte Bildungskontexte als Ermöglichungsräume für sexuellen Kindesmissbrauch beschrieben werden. Zudem wird gezeigt, dass auf drei Ebenen Erfahrungen sexueller Gewalt in einer längerfristigen biografischen, aber auch gesamtgesellschaftlichen Dimension in Bezug auf Bildung und Erziehung thematisiert werden: 1. auf der Ebene der Bildungsbiographie Betroffener, 2. auf der Ebene des erzieherischen Verhältnisses Betroffener gegenüber eigenen Kindern sowie 3. auf der Ebene von Bildung als Schutzfaktor vor zukünftiger Gewalt.