Traditionalismus in Ungarn
摘要
Auf den ideologischen Spuren der arischen Erlösungsvisionen, dem (Pan-)Turanismus und der Theosophie entwickelte sich – wie sonst in Europa, so auch – in Ungarn der so genannte Traditionalismus, so die Eigenbezeichnung der identitär-universalistisch-esoterischen Weltanschauung. Er wird auch integrale oder hermetische Tradition genannt, weil es in ihm zwar um ein geschlossenes (hermetisches) Weltbild geht, aber innerhalb dieses um ein ganzheitliches (holistisches), integratives Denken. Protagonist:innen sehen in ihm eine heile unzerstörbare und daher lebendige Ganzheit, von der alle Teiltraditionen, also die hohen Kulturen der Menschheitsgeschichte und all deren Lebensäußerungen nur Glieder seien. Im Traditionalismus wurde die gentilistische Vorstellung von Rasse gänzlich auf geistig-spirituell-metaphysische, kosmotheistische Grundlage gestellt und in einem weiter gefassten Sinne als ‚Rassismus des Geistes und der Seele‘ und als Glaubensbekenntnis aufgefasst. Deshalb konnte und kann er zu einer starken, übernationalen, identitären Klammer werden, wodurch er den Antiuniversalismus universalisiert und internationalisiert. Der Traditionalismus ist eine gesellschaftlich-identitäre Metapolitik der antimodernen Gegenkultur, in der die Bereitschaft einer Gesellschaft angeprangert wird, die zentralen Errungenschaften der Moderne, nämlich das Denken in Vernunftkategorien (wie die menschenrechtlich und an Quellen orientierte Wissenschaft) und Begriffe der Humanität, außer Kraft zu setzen. Sie hängt mit der Suche nach neuem Lebenssinn und nach neuen religiösen Inhalten in der säkularisierten, entspiritualisierten Welt zusammen. Der bekannteste ungarische Traditionalist war Béla Hamvas, der – in Anlehnung an frühere und zeitgenössische Ideologen, wie René Guénon, Julius Evola und Leopold Ziegler – die Theorie einer kosmischen Anthropologie aufstellte und mit ihrer Hilfe die Menschheit in ‚Lebenswerte‘ (Erleuchtete) und ‚Lebensunwerte‘ (Tschandala) hierarchisierte.