Die Bomben des Piktozän
摘要
Ich beginne mit einer persönlichen Bemerkung. Als mich die Anfrage ereilte, für diesen Band einen Beitrag über „Israels Leichen als Unterhaltung der islamischen Welt nach dem 7. Oktober 2023 (oder ähnlich)“ zu schreiben, zuckte ich zunächst zusammen. Das ist heikel, dachte ich. Ein Spiel mit dem Feuer. Nah am Tabu. Und nah am Tabubruch. Trotzdem sagte ich zu, verbannte die Zusage aber sofort und zwar wochenlang in den hintersten Hintergrund meines Bewusstseins, was dazu führte, dass sich das Verdrängte regelmäßig umso aufdringlicher in Erinnerung rief. Natürlich wusste ich genau, warum ich keine Lust hatte, den Text zu schreiben. Ich hatte keine Lust, mir die Bilder des 7. Oktober anzuschauen. Genauer gesagt hatte ich einen ziemlichen Horror davor. Die Vorstellung, mich mit den Videos und Fotos des Massakers zu konfrontieren, war für mich mindestens so schrecklich wie die Bilder selbst. Meine Schreibblockade löste sich exakt in dem Augenblick, in dem mir dämmerte, dass ich den angefragten Artikel nur würde schreiben können, wenn ich darin meine Aversion zum Thema machte, mir die terroristischen Bilder von Ten Seven im Internet anzuschauen. So ist ein Text über Bilder entstanden, dessen Autor die Bilder, über die er schreibt, ohne über sie zu schreiben, nie gesehen hat. Was folgt, ist also ein Text über ein selbstauferlegtes Bilderverbot. Zugleich ist dieser Text auch ein Text über Bilder als Ikonoklasmen. Es ist ein Text über dreckige, aber auch über reine Bilder in Zeiten geradezu hysterischer Hygiene und geradezu puritanischer, wenn nicht sogar jakobinischer Reinhaltungs-, Reinigungs- und Säuberungsversuche der öffentlichen Sprache und der öffentlichen Bilder in einer achtsamen Welt und in den Medien und Hochschulen dieser achtsamen Welt. Nicht zuletzt ist es ein Text über die Dialektik der Dekontamination diabolischer Bilder. Und ganz am Ende auch ein Text über das einzige Bild, das die Dämonen des Zeitalters der Bilder austreiben kann: das Bild Gottes.