Entwertete Bücher, abgewertete Menschen
摘要
In einer großen Ruhrgebietskommune wurde von einem Bürgerschaftsverein ein öffentlicher Bücherschrank eingerichtet. Nach wenigen Monaten begann der Betreiber, die eingestellten Bücher per Stempelung als „Leihbuch“ zu markieren, um ihren Weiterverkauf zu verhindern. Anlass waren in Social Media geäußerte Mutmaßungen über „Plünderer“, die angeblich zu viele Bücher entnommen hätten. Der stadtteilinterne medialisierte Diskurs hierüber eskalierte. Im Anprangern der (vorgeblichen) Verletzung einer Etikettenorm durch andere Personen zeichnet sich im Fallbeispiel das Unvermögen der örtlichen Akteure ab, die Situation richtig einzuschätzen. Dies führt in Verbindung mit kontrafaktischen Behauptungen zu einer maßlosen Übermaßkritik. Diese wiederum verhindert bei den meisten Akteuren eine Erkenntnis des ethisch Angemessenen. Im Kern der empörten Auseinandersetzung hierüber steht ein selbstbezüglicher Moralismus, der größere Tendenzen gesellschaftlicher Abgrenzung oder Spaltung widerspiegelt. Die entwerteten Bücher stehen metaphorisch für abgewertete Menschen („Plünderer“). Der Beitrag zeichnet diesen Diskurs mit Hilfe ethischer und ökonomischer Theorieansätze in einer rekonstruktiven Systematisierung detailliert nach.