Politisches Handeln schafft Repräsentationen, die das menschliche Fühlen und Denken, Wissen und Handeln anleiten und soziale Welten ordnen. Zeiten starker Verunsicherung sind Hochzeiten solcher „Manifestationsmacht“ (Pierre Bourdieu) und lassen das Machtstreben und seine durch Symbole, Rituale und Narrative geschaffenen Wahrnehmungs- und Deutungsschemata sehr viel prägnanter ans Licht treten als Zeiten, in denen konventionell den als weitaus weniger problematisch empfundenen Routinen der Alltagsorientierung nachgegangen wird. Vor diesem Hintergrund richtet sich der Beitrag aus der Perspektive der Visuellen Wissenssoziologie auf die politische Ikonografie im Kontext der COVID-19-Pandemie. Er untersucht die visuelle Symbolik politischer Wirklichkeitskonstruktionen am Beispiel von Bildern des politischen Protests aus digitalen Kommunikationskanälen der Gegner*innen von Corona-Maßnahmen und diskutiert die Frage, wie sich unter den Eindrücken der COVID-19-Pandemie sozial tradierte, mediale Formen wandeln und die Kommunikation politischer Widerrede sich ausgestaltet. Im Ergebnis werden die Auftritte der Schweizerischen Protestbewegung MASS-VOLL! und der deutschen Initiative Querdenken auf dem Instant Messenger Telegram als Ausprägungen zweier gegenüber denselben Sachverhalten sich empörenden sozialen Welten beschrieben und als charismatische Gemeinschaft beziehungsweise entgrenzter Subjektivismus idealtypisch in zwei Empörungsfiguren gefasst. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion der Frage, ob und inwiefern die Untersuchung solch visueller Repräsentationen von empörten Welten auch über die COVID-19-Pandemie hinaus Bedeutung für das Verständnis moderner Gesellschaften hat.

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Gegenbilder auf Telegram. Visuelle Repräsentationen empörter Welten in der COVID-19-Pandemie

  • Sebastian W. Hoggenmüller,
  • Jürgen Raab

摘要

Politisches Handeln schafft Repräsentationen, die das menschliche Fühlen und Denken, Wissen und Handeln anleiten und soziale Welten ordnen. Zeiten starker Verunsicherung sind Hochzeiten solcher „Manifestationsmacht“ (Pierre Bourdieu) und lassen das Machtstreben und seine durch Symbole, Rituale und Narrative geschaffenen Wahrnehmungs- und Deutungsschemata sehr viel prägnanter ans Licht treten als Zeiten, in denen konventionell den als weitaus weniger problematisch empfundenen Routinen der Alltagsorientierung nachgegangen wird. Vor diesem Hintergrund richtet sich der Beitrag aus der Perspektive der Visuellen Wissenssoziologie auf die politische Ikonografie im Kontext der COVID-19-Pandemie. Er untersucht die visuelle Symbolik politischer Wirklichkeitskonstruktionen am Beispiel von Bildern des politischen Protests aus digitalen Kommunikationskanälen der Gegner*innen von Corona-Maßnahmen und diskutiert die Frage, wie sich unter den Eindrücken der COVID-19-Pandemie sozial tradierte, mediale Formen wandeln und die Kommunikation politischer Widerrede sich ausgestaltet. Im Ergebnis werden die Auftritte der Schweizerischen Protestbewegung MASS-VOLL! und der deutschen Initiative Querdenken auf dem Instant Messenger Telegram als Ausprägungen zweier gegenüber denselben Sachverhalten sich empörenden sozialen Welten beschrieben und als charismatische Gemeinschaft beziehungsweise entgrenzter Subjektivismus idealtypisch in zwei Empörungsfiguren gefasst. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion der Frage, ob und inwiefern die Untersuchung solch visueller Repräsentationen von empörten Welten auch über die COVID-19-Pandemie hinaus Bedeutung für das Verständnis moderner Gesellschaften hat.