Epistemische Anomie?
摘要
Ausgehend von Prozessen der Pluralisierung wissenschaftsförmiger Wissensressourcen, die aus der für die moderne Gesellschaft charakteristischen, reflexiven Wende bezüglich der kollektiven Geltung partikular erhobener Wahrheitsansprüche hervorgehen (‚Wissensgesellschaft‘) und die die diskursive Produktion des Faktischen zu einem zentralen Schauplatz gegenwärtiger, politisch-ideologischer Auseinandersetzungen gemacht haben, fragt der Beitrag aus einer sozialphänomenologischen Perspektive nach dem in diesen Prozessen enthaltenem Empörungspotenzial und seiner eskalierenden, potenziell anomischen Dynamik. ‚Empörung‘ wird dabei im Anschluss an die Sozialphänomenologie von Alfred Schütz als Amalgam aus kognitiven und affektiven Elementen subjektiven Erlebens aufgefasst, das sich in den Strukturen der Wissensgesellschaft in ‚epistemischen Erlebnissen‘ kristallisiert und sich im Streit um faktische Wahrheit konfliktär entlädt. Induziert durch die Profileration politisch relevanter Wissenskrisen führt die Logik der skizzierten gesellschaftlichen Konfiguration dazu, dass spezifische, an verschiedene politische Lager und Orientierungen andockende und inhaltlich auf ‚faktische Wahrheit‘ gerichtete Erlebniswelten entstehen, in denen sich kollektive Empörungsroutinen ausbilden, die die epistemische Komplexität der Wissensgesellschaft moralisch bearbeiten. Die standardisierten, kognitiven Praktiken des jeder letzten Gewissheit entzogenen Affirmierens und Negierens von Wissensbeständen, die ein hohes Maß affektiver Zügelung seitens einzelner Subjekte voraussetzen, werden so zu Bestandteilen einer moralisierenden Signifizierung hinsichtlich der Akzeptanz oder Ablehnung kollektiv geteilter Wissensbestände. ‚Wahrheit‘ wird auf diesem Wege gesamtgesellschaftlich zusehends von einer kognitiven in eine moralische Kategorie konflikthafter Vergesellschaftung transformiert. Dergestalt perpetuieren, so die These, gegenwärtige Wissenskrisen eine in der Moderne angelegte, epistemische Anomie. Der Beitrag argumentiert abschließend, dass sich die Vorstellung einer gesellschaftlichen Einheit, die sich in der Kategorie einer kollektiv bindenden ‚Wahrheit‘ zum Ausdruck bringt, nunmehr weitgehend im Modus konfliktärer, moralischer Empörung reproduziert.