Erniedrigung und Aufstand
摘要
Seit der Jahrtausendwende wird in öffentlichen Debatten häufig von der Herausbildung einer „Empörungsgesellschaft“ gesprochen, in der individuelle wie kollektive Empörung als zentrales Merkmal der Gegenwart gilt. Spätestens mit Stéphane Hessels Streitschrift Empört Euch! (2011) wurde Empörung zum gesellschaftspolitischen Leitmotiv, das einerseits als Motor politischer Selbstermächtigung gefeiert, andererseits wegen seiner potenziell destruktiven Wirkung auf den sozialen Zusammenhalt kritisiert wird. Diese Dichotomie greift jedoch zu kurz: Empörung ist ein ambivalentes Phänomen, das sowohl für die demokratische Aushandlung von Politik unverzichtbar als auch für die Gefährdung normativer Grundlagen verantwortlich sein kann. Die undifferenzierte Bewertung aktueller Empörungsphänomene führt dazu, dass verschiedene Formen – etwa Empörung über soziale Ungleichheit oder institutionelles Versagen – häufig mit strategisch inszenierter Empörung oder moralisch motiviertem Hass gleichgesetzt werden. Um dieser analytischen Unschärfe zu begegnen, wird eine begriffsgeschichtliche Differenzierung vorgeschlagen, die aufzeigt, wie sich der Empörungsbegriff seit der Frühen Neuzeit gewandelt hat. Im historischen Rückblick wird deutlich, dass Empörung als öffentliches Phänomen bereits in den Agrarkonflikten der Frühen Neuzeit eine zentrale Rolle spielte. Ausgehend von Hegels Rückgriff auf den Ausdruck „innere Empörung“ plädiert der Aufsatz für eine heuristische Unterscheidung zwischen reflexiven und tautologischen Formen von Empörung. Hieran anknüpfend wird abschließend ein Vorschlag für eine formale Definition empörter Welten entwickelt, die eine differenzierte gesellschaftstheoretische Analyse und Verortung aktueller Empörungsphänomene ermöglicht.