Welchen Körper hat der panoramatische Blick? Hypothesen des sowjetischen Film-Auges
摘要
Die Künstler der russischen und sowjetischen Avantgarde (El Lissitzky, Michail Matjuschin, Dziga Wertow und Sergej Eisenstein) haben ein totales Sehen beschworen und diese ‚Pan-optik‘ sozialutopisch bewertet, um ungebildeten Arbeitern ungeahnte Zusammenhänge zu eröffnen. Dieses totale Sehen wurde an eine dynamisierte Wahrnehmung und einen rationalen Verstand geknüpft und als apparativer Blick realisiert, der durch die Bewegung der Kamera oder durch eine Montage von Raumsegmenten geschaffen werden sollte. Die nicht realisierten, ja nicht realisierbaren Ausstellungs-, Film- und Buchprojekte waren für die Filmemacher genauso wichtig wie die Experimente. Die Autorenregisseure der Zweiten Moderne (1960er–70er-Jahre) und ihre Kameraleute (Michail Kalatosow, Sergej Urussewski, Andrej Tarkowski) gaben diesen rationalen, aufklärerischen Gestus auf und verliehen den 360°-Panoramen eine metaphysische Dimension. Der Beitrag setzt sich mit diesen beiden widersprüchlichen Konzepten des totalen, panoramatischen Sehens (ein körperloses Auge, seine entfesselte Wahrnehmung und das Bewusstsein im Grenzzustand) auseinander und versucht, sie zu kontextualisieren.