Literarische Panoramen zwischen Überbreite und Übersicht. Zur Narratologie der Mehrsträngigkeit in epischen Epochenbildern
摘要
Beschäftigt man sich mit komplexen epischen Werken, deren Anspruch es ist, die Gesamtheit einer (historischen) Gegenwart oder zumindest die Gesamtheit eines Teils von dieser darzustellen, so stößt man sowohl im Feuilleton als auch in der Forschungsliteratur immer wieder auf Ausdrücke wie ‚Panorama‘, ‚panoramische Erzählweise‘ oder ‚Panoramaroman‘. Dieser selbstverständlichen Verwendung des Panoramabegriffs steht auf der erzähltheoretischen Ebene eine fehlende Reflexion dieser Kategorie und ihrer spezifischen Relevanz für die Analyse komplexer Epik gegenüber. Hier setzt der Beitrag an, indem er die Frage nach den Eigenschaften einer Narratologie des Panoramatischen stellt. Fokus der Untersuchung ist dabei die Frage, wie literarische Mehrsträngigkeit mit sogenannten. ‚panoramatischen Erzählweisen‘ zusammenhängt. Als Textgrundlage dienen hierbei Karl Gutzkows Die Ritter vom Geiste (1850/1851) und Alfred Döblins November 1918 (entstanden 1937–1943, vollständig erschienen erst 1978). An diesen Beispielen zeigt der Beitrag das Changieren derartiger Erzählungen zwischen zwei Polen auf: (1) dem Pol der Überbreite, das heißt der kaum zu überblickenden Fülle narrativer Inhalte, die als auf der Ebene der erzählten Zeit gleichzeitig präsentiert werden, sowie (2) dem Pol der Übersicht einerseits durch das sukzessive Sichtbarwerden narrativer Großstrukturen und Zusammenhänge, andererseits durch weitgehend strangentkoppelte Überblickspassagen als ‚Panoramen im Kleinen‘.