Doppelgänger bei Italo Calvino und im Märchen
摘要
Doppelgänger weisen als rekurrentes Motiv der Kultur eine große Variationsbreite auf, konstitutive Definitionselemente für diesen Beitrag sind die unheimliche bedrohliche Begegnung mit einer extrem ähnlichen Person mit nachfolgender Identitätskrise. Im Zentrum der Analyse steht Italo Calvinos phantastischer Roman Il visconte dimezzato (1952), in dem der Protagonist in zwei manichäisch in böse und gut differenzierte Hälften geteilt und am Ende wiedervereint wird. Mit seiner speziellen Variante bezieht sich Calvino intertextuell auf die reiche Motivtradition, architextuell auf die Gattungskonventionen des Märchens und metapoetisch auf literaturtheoretische Debatten der ideologisch geprägten Nachkriegszeit. Dies macht den Visconte dimezzato als Schwellentext sowohl des Doppelgänger-Motivs als auch der poetologischen Entwicklung des Autors lesbar, als ästhetische Aufwertung nicht-realistischer Literatur. Im Märchen sind Doppelgänger deutlich weniger verbreitet, exemplarische Texte aus Calvinos Märchensammlung Fiabe italiane (1956), aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (Die Gänsemagd und Die zwei Brüder) und Hans Christian Andersens Kunstmärchen Der Schatten (1847) präsentieren unterschiedlich lose Anknüpfungen an den Motivkern und die literarische Tradition. Abschließend zeigt ein Ausblick auf Doppelgänger im Film, vor allem Jordan Peeles Horrorfilm Us (2019), das anhaltende Aktualisierungspotenzial des Motivs.