Deutschland und Frankreich werden häufig als engste EU-Verbündete wahrgenommen, auch in der Verteidigungspolitik. Doch regelmäßige politische Bekenntnisse zur Einigkeit verbergen große Differenzen. Denn seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich die strategischen Kulturen der beiden Länder sowie der Platz der Streitkräfte in der jeweiligen Gesellschaft vollkommen unterschiedlich entwickelt. Anders als häufig angenommen, lagen Deutschland und Frankreich in ihrem Umgang mit Krieg, militärischer Gewalt oder Auslandseinsätzen über Jahrzehnte an den entgegengesetzten Enden des europäischen Spektrums. Die Reaktionen auf den russischen Überfall der Ukraine machen das seit Februar 2022 deutlich. Die deutsche Ankündigung einer Zeitenwende als Reaktion auf den Krieg hat besonders in Frankreich viele Erwartungen geweckt. Die Regierung in Paris rechnete mit einer „Normalisierung“ der Verteidigungspolitik des Nachbarlandes und der Angleichung deutscher Verteidigungspolitik an französische Vorstellungen. Entsprechend groß ist nun die Enttäuschung darüber, dass wiederholt das Gegenteil eingetreten ist und Berlin sich vor dem Hintergrund des anhaltenden Kriegs im Osten von traditionellen französischen Positionen entfernt hat. Die deutsche Zeitenwende hält Frankreich nun den Spiegel der eigenen Erwartungen vor. In Paris hat das den selbstkritischen Blick auf die eigenen Ambitionen innerhalb der EU geschärft. Gelingt es in den kommenden Jahren, deutsche und französische Reaktionen auf die russische Aggression dem Partnerland zu erklären, dabei Stärken und Schwächen sinnvoll zu kombinieren, liegt darin eine einmalige Chance für die verteidigungspolitische Zusammenarbeit der EU und in Europa.

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Frankreichs Blick auf die Zeitenwende

  • Jacob Ross

摘要

Deutschland und Frankreich werden häufig als engste EU-Verbündete wahrgenommen, auch in der Verteidigungspolitik. Doch regelmäßige politische Bekenntnisse zur Einigkeit verbergen große Differenzen. Denn seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich die strategischen Kulturen der beiden Länder sowie der Platz der Streitkräfte in der jeweiligen Gesellschaft vollkommen unterschiedlich entwickelt. Anders als häufig angenommen, lagen Deutschland und Frankreich in ihrem Umgang mit Krieg, militärischer Gewalt oder Auslandseinsätzen über Jahrzehnte an den entgegengesetzten Enden des europäischen Spektrums. Die Reaktionen auf den russischen Überfall der Ukraine machen das seit Februar 2022 deutlich. Die deutsche Ankündigung einer Zeitenwende als Reaktion auf den Krieg hat besonders in Frankreich viele Erwartungen geweckt. Die Regierung in Paris rechnete mit einer „Normalisierung“ der Verteidigungspolitik des Nachbarlandes und der Angleichung deutscher Verteidigungspolitik an französische Vorstellungen. Entsprechend groß ist nun die Enttäuschung darüber, dass wiederholt das Gegenteil eingetreten ist und Berlin sich vor dem Hintergrund des anhaltenden Kriegs im Osten von traditionellen französischen Positionen entfernt hat. Die deutsche Zeitenwende hält Frankreich nun den Spiegel der eigenen Erwartungen vor. In Paris hat das den selbstkritischen Blick auf die eigenen Ambitionen innerhalb der EU geschärft. Gelingt es in den kommenden Jahren, deutsche und französische Reaktionen auf die russische Aggression dem Partnerland zu erklären, dabei Stärken und Schwächen sinnvoll zu kombinieren, liegt darin eine einmalige Chance für die verteidigungspolitische Zusammenarbeit der EU und in Europa.