Der Beitrag bietet erstmals eine zusammenfassende Darstellung der Geschichte der deutschen Religionssoziologie für die Jahrzehnte nach 1918 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die in sieben Kapitel gegliederte Darstellung untersucht die damaligen Publikationen aus einer soziologiegeschichtlichen und teilweise auch ideengeschichtlichen Perspektive. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die von den „Klassikern“ (wie SimmelSimmel, Georg, TroeltschTroeltsch, Ernst, WeberWeber, Max) gelegten Grundlagen nach 1920 kaum weitergeführt wurden, was sowohl durch den Tod der genannten Autoren als auch durch thematische Interessenverschiebungen bedingt war (Abschn. 1). Schulbildend wirkten dagegen die sogenannten „Formalsoziologien“ insbesondere bei von WieseWiese, Leopold von und VierkandtVierkandt, Alfred, die sich auf die „Formen“ der Gesellschaft konzentrierten, diese von den „materialen“ Gesichtspunkten unterschieden und sich mit den jeweiligen „Inhalten“ (etwa der Religion) allenfalls peripher beschäftigten (Abschn. 2). Eine systematische Aufmerksamkeit auf Religion ermöglichte dagegen Max SchelersScheler, Max Kultur- und Wissenssoziologie mit der Unterscheidung von Real- und Idealfaktoren. Religiöse Phänomene waren auf der zweiten Seite dieser Unterscheidung positioniert (Abschn. 3). Im Vordergrund der (allgemeinen) Weimarer Soziologie stand das Begriffspaar von „Individuum und Gemeinschaft“, wobei auch religionsbezogen zunehmend eine antiindividualistische und gegen gesellschaftliche Differenzierung gerichtete Perspektive in den Vordergrund trat (Abschn. 4). Erst um 1930 erfuhr die Religionssoziologie als Teildisziplin wieder eine Belebung, die mit einer Wiederentdeckung der „klassischen“ Ansätze einherging und sich in ersten systematischen Darstellungen (insbesondere bei Joachim WachWach, Joachim) niederschlug (Abschn. 5). Zur nachhaltigen Etablierung einer religionssoziologischen Perspektive trugen darüber hinaus die Theologien und Religionsphilosophien der jüdischen, katholischen und protestantischen Glaubensgemeinschaften bei, aus deren Perspektive säkulare Ansätze aufgegriffen wurden (Abschn. 6). Die sich zunehmend dynamisch entfaltende Religionssoziologie erfuhr 1933 mit der nationalsozialistischen Diktatur in weiten Bereichen eine Unterbrechung oder verlagerte sich ins Exil. Einige Vertreter antiindividualistischer Ansätze bemühten sich zunächst, diese mit der herrschenden Ideologie in Einklang zu bringen (Abschn. 7).

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Religionssoziologie im Deutschland der Zwischenkriegszeit

  • Hartmann Tyrell,
  • Marc Breuer

摘要

Der Beitrag bietet erstmals eine zusammenfassende Darstellung der Geschichte der deutschen Religionssoziologie für die Jahrzehnte nach 1918 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die in sieben Kapitel gegliederte Darstellung untersucht die damaligen Publikationen aus einer soziologiegeschichtlichen und teilweise auch ideengeschichtlichen Perspektive. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die von den „Klassikern“ (wie SimmelSimmel, Georg, TroeltschTroeltsch, Ernst, WeberWeber, Max) gelegten Grundlagen nach 1920 kaum weitergeführt wurden, was sowohl durch den Tod der genannten Autoren als auch durch thematische Interessenverschiebungen bedingt war (Abschn. 1). Schulbildend wirkten dagegen die sogenannten „Formalsoziologien“ insbesondere bei von WieseWiese, Leopold von und VierkandtVierkandt, Alfred, die sich auf die „Formen“ der Gesellschaft konzentrierten, diese von den „materialen“ Gesichtspunkten unterschieden und sich mit den jeweiligen „Inhalten“ (etwa der Religion) allenfalls peripher beschäftigten (Abschn. 2). Eine systematische Aufmerksamkeit auf Religion ermöglichte dagegen Max SchelersScheler, Max Kultur- und Wissenssoziologie mit der Unterscheidung von Real- und Idealfaktoren. Religiöse Phänomene waren auf der zweiten Seite dieser Unterscheidung positioniert (Abschn. 3). Im Vordergrund der (allgemeinen) Weimarer Soziologie stand das Begriffspaar von „Individuum und Gemeinschaft“, wobei auch religionsbezogen zunehmend eine antiindividualistische und gegen gesellschaftliche Differenzierung gerichtete Perspektive in den Vordergrund trat (Abschn. 4). Erst um 1930 erfuhr die Religionssoziologie als Teildisziplin wieder eine Belebung, die mit einer Wiederentdeckung der „klassischen“ Ansätze einherging und sich in ersten systematischen Darstellungen (insbesondere bei Joachim WachWach, Joachim) niederschlug (Abschn. 5). Zur nachhaltigen Etablierung einer religionssoziologischen Perspektive trugen darüber hinaus die Theologien und Religionsphilosophien der jüdischen, katholischen und protestantischen Glaubensgemeinschaften bei, aus deren Perspektive säkulare Ansätze aufgegriffen wurden (Abschn. 6). Die sich zunehmend dynamisch entfaltende Religionssoziologie erfuhr 1933 mit der nationalsozialistischen Diktatur in weiten Bereichen eine Unterbrechung oder verlagerte sich ins Exil. Einige Vertreter antiindividualistischer Ansätze bemühten sich zunächst, diese mit der herrschenden Ideologie in Einklang zu bringen (Abschn. 7).