Wie lässt sich haptisches, erfahrungsbasiertes Wissen, das aus dem Umgang mit Materialien und Gegenständen entsteht, im Rahmen von (akademischer) Forschung und Publikationsformen aufnehmen und darstellen? Diese Frage treibt seit geraumer Zeit zahlreiche Wissenschaftsbereiche weit über die Medienforschung hinaus um. Ausgangsimpuls für das vorliegende Essay war ein Workshop auf der Konferenz „Tangible, Embedded and Embodied Interaction (TEI)“ im Januar 2022, in dem sich eine Gruppe von Künstler:innen und Designer:innen mit der Fragestellung beschäftigte, wie Prototypen neuer Materialien und Objekte in einer Publikation – traditionell gesprochen: in einem „Buch“ – repräsentiert und erfahrbar gemacht werden können. Während dieses Workshops hatten einige Teilnehmer:innen den Gedanken entwickelt, Publikationen als akustisch-mediale Interfaces weiterzudenken. Anknüpfend an diesen Gedankenprozess gestaltete ich eine Reihe von spekulativen Designstudien, die als utopische Prototypen realisiert und fotografisch inszeniert wurden: Die Buchseite oder der Bildschirm erscheint als Generator für Klang, als Repräsentationsraum, als papierner Lautsprecher oder physischer Audioschaltkreis, aber auch als haptisches Interface für Sound und Reflexionsraum für Klangqualitäten. Die Prototypen vereinen Bücher, elektronische Hard- und Software sowie Auszüge aus Marshall McLuhans „Gutenberg-Galaxis“ (McLuhan, 2011 [1967]) zu intermedialen Collagen (vgl. Abb. 1). Im vorliegenden Fotoessay verbinde ich diese Bilder mit Gedanken über die Möglichkeiten des Buchs als akustisches Interface. Meine Überlegungen zum Verhältnis von Schrift, visueller oder grafischer Repräsentation und Klang knüpfen an Jan Distelmeyers (2018) Gedanken zur Interface-mise-en-scène an. Dabei entwickle ich die Idee eines „otomorphen“ Publizierens (von griech. „otos“, Ohr), um das Verhältnis zwischen der Medialität von Schrift und menschlicher Wahrnehmung zu beschreiben. Der spekulative Umgang mit Interfaces und Technologien ermöglicht, sich vom Funktionalen zu lösen und das Mögliche, das Wünschbare und das Imaginäre in den Mittelpunkt zu stellen, um so einen spielerischen Zugang zum Thema Interfaces zu finden.

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A book that speaks of its own – Bücher als akustische Interfaces. Eine spekulative Annäherung an Repräsentationen von Sound im Kontext von Wissenskommunikation

  • Margarethe Maierhofer-Lischka

摘要

Wie lässt sich haptisches, erfahrungsbasiertes Wissen, das aus dem Umgang mit Materialien und Gegenständen entsteht, im Rahmen von (akademischer) Forschung und Publikationsformen aufnehmen und darstellen? Diese Frage treibt seit geraumer Zeit zahlreiche Wissenschaftsbereiche weit über die Medienforschung hinaus um. Ausgangsimpuls für das vorliegende Essay war ein Workshop auf der Konferenz „Tangible, Embedded and Embodied Interaction (TEI)“ im Januar 2022, in dem sich eine Gruppe von Künstler:innen und Designer:innen mit der Fragestellung beschäftigte, wie Prototypen neuer Materialien und Objekte in einer Publikation – traditionell gesprochen: in einem „Buch“ – repräsentiert und erfahrbar gemacht werden können. Während dieses Workshops hatten einige Teilnehmer:innen den Gedanken entwickelt, Publikationen als akustisch-mediale Interfaces weiterzudenken. Anknüpfend an diesen Gedankenprozess gestaltete ich eine Reihe von spekulativen Designstudien, die als utopische Prototypen realisiert und fotografisch inszeniert wurden: Die Buchseite oder der Bildschirm erscheint als Generator für Klang, als Repräsentationsraum, als papierner Lautsprecher oder physischer Audioschaltkreis, aber auch als haptisches Interface für Sound und Reflexionsraum für Klangqualitäten. Die Prototypen vereinen Bücher, elektronische Hard- und Software sowie Auszüge aus Marshall McLuhans „Gutenberg-Galaxis“ (McLuhan, 2011 [1967]) zu intermedialen Collagen (vgl. Abb. 1). Im vorliegenden Fotoessay verbinde ich diese Bilder mit Gedanken über die Möglichkeiten des Buchs als akustisches Interface. Meine Überlegungen zum Verhältnis von Schrift, visueller oder grafischer Repräsentation und Klang knüpfen an Jan Distelmeyers (2018) Gedanken zur Interface-mise-en-scène an. Dabei entwickle ich die Idee eines „otomorphen“ Publizierens (von griech. „otos“, Ohr), um das Verhältnis zwischen der Medialität von Schrift und menschlicher Wahrnehmung zu beschreiben. Der spekulative Umgang mit Interfaces und Technologien ermöglicht, sich vom Funktionalen zu lösen und das Mögliche, das Wünschbare und das Imaginäre in den Mittelpunkt zu stellen, um so einen spielerischen Zugang zum Thema Interfaces zu finden.