Das Tonband wird in der Musik- und Medienwissenschaft oft als Technik zur Manipulation von Zeitachsen beschrieben. Dies aufgreifend zeigt unser Beitrag, in welchem Umfang die frühen Speichermedien Stahltondraht und -band in den 1920er- und 1930er-Jahren neben der Manipulation von Zeitachsen auch zur Manipulation geografischer Raumachsen dienten. Dabei konzentrieren wir uns auf den Empire Service der BBC, der Programme auf Band aufzeichnete und zeitversetzt in verschiedenen Zeitzonen des britischen Empire ausstrahlte. Diese Kopplung von Radio und Tondraht und -band ermöglichte eine Form globaler Rundfunkpolitik, die drahtlos operierte und doch von der Speicherkapazität des Stahls abhing. Der Beitrag beleuchtet dieses Paradox der „drahtlosen Verdrahtung“, verstanden als akustisches Interface, das eine immense Reichweite aufweist, material- und ortlos wirkt und doch an widerständiges Material gebunden ist. Diese Materialabhängigkeit von Interfaces adressieren wir anhand der Lieferketten von Stahldraht für die BBC: importiert vom britischen Ingenieur Luis Blattner, entwickelt vom deutschen Ingenieur Curt Stille und hergestellt von der schwedischen Stahlindustrie mit Rohstoffen aus verschiedenen Weltregionen. Die Produktion von Klangspeichern aus Stahl war seinerzeit nicht nur mit einem politisch fragilen, ökologisch ausbeuterischen und toxischen Rohstoffregime verbunden. Das Drahtmaterial erwies sich auch als buchstäblich unflexibel und war nur bedingt geeignet, die scheinbar reibungslose Manipulation von Zeit und Raum durch die BBC zu ermöglichen. Auch unser Versuch, ein Stille-Drahttongerät aus den 1930er-Jahren nachzubauen, zeigt: Das eigenwillige Material durchkreuzt den imperialen Anspruch eines weltumspannenden Interface.

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Ton auf Band: Raum-Zeit-Manipulationen und Materialwiderstände im BBC Empire Service

  • Viktoria Tkaczyk,
  • Christina Dörfling

摘要

Das Tonband wird in der Musik- und Medienwissenschaft oft als Technik zur Manipulation von Zeitachsen beschrieben. Dies aufgreifend zeigt unser Beitrag, in welchem Umfang die frühen Speichermedien Stahltondraht und -band in den 1920er- und 1930er-Jahren neben der Manipulation von Zeitachsen auch zur Manipulation geografischer Raumachsen dienten. Dabei konzentrieren wir uns auf den Empire Service der BBC, der Programme auf Band aufzeichnete und zeitversetzt in verschiedenen Zeitzonen des britischen Empire ausstrahlte. Diese Kopplung von Radio und Tondraht und -band ermöglichte eine Form globaler Rundfunkpolitik, die drahtlos operierte und doch von der Speicherkapazität des Stahls abhing. Der Beitrag beleuchtet dieses Paradox der „drahtlosen Verdrahtung“, verstanden als akustisches Interface, das eine immense Reichweite aufweist, material- und ortlos wirkt und doch an widerständiges Material gebunden ist. Diese Materialabhängigkeit von Interfaces adressieren wir anhand der Lieferketten von Stahldraht für die BBC: importiert vom britischen Ingenieur Luis Blattner, entwickelt vom deutschen Ingenieur Curt Stille und hergestellt von der schwedischen Stahlindustrie mit Rohstoffen aus verschiedenen Weltregionen. Die Produktion von Klangspeichern aus Stahl war seinerzeit nicht nur mit einem politisch fragilen, ökologisch ausbeuterischen und toxischen Rohstoffregime verbunden. Das Drahtmaterial erwies sich auch als buchstäblich unflexibel und war nur bedingt geeignet, die scheinbar reibungslose Manipulation von Zeit und Raum durch die BBC zu ermöglichen. Auch unser Versuch, ein Stille-Drahttongerät aus den 1930er-Jahren nachzubauen, zeigt: Das eigenwillige Material durchkreuzt den imperialen Anspruch eines weltumspannenden Interface.