Caillié contra Barth in Timbuktu oder Vulnerabilität vs. Resilienz der endogenen Technologie ums Schießpulver. Eine postkoloniale Literaturkritik am Forschungs- und Entdeckungsdiskurs
摘要
In der (vor allem afrikanischen) postkolonialen Forschungsliteratur wird zunehmend betont, dass die westlich-europäischen Schriften eine Reihe von eurozentrischen Strategien entwickelt hatten, die auf Datenmanipulation, Verzerrung und Einschüchterung beruhten, und die die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit der afrikanischen Wissenssysteme untergraben. Die Ausgangsthese dieser Überlegungen ist, dass nur eine dekoloniale Forschungsperspektive, die sich ausschließlich auf Texte aus dem Globalen Süden stützt, den Wert von indigenem und endogenem Wissen würdigen kann (s. Seepe 2000; Ndlovu-Gatshen 2014). Durch eine kontrastive Analyse von zwei Reiseberichten, nämlich René Cailliés Reise nach Timbuktu (1830) und Heinrich Barths Reisen und Entdeckungen (1857) wird in diesem Aufsatz versucht, diese Annahme differenzierter zu begründen. Während beispielsweise Caillié Kind seiner Zeit war und die allgemeine Meinung in Europa über die vermeintliche Rückständigkeit lokaler Technologien verbreitete, bemühte sich Barth als Anhänger des Berliner Geographen Carl Ritter (1779–1859), die Kreativität der Afrikaner in den Vordergrund zu stellen. So findet sich in Barths Entdeckungsdiskurs des Schießpulvers in Afrika kein Misstrauen, sondern Formen der Resilienz traditioneller Volkskultur und der Widerstandsfähigkeit gegenüber dem kolonialen Projekt und der kolonialen Einverleibung endogenen Wissens in das sogenannte globale Wissen.