Zwischen Pathos und Spur. Phänomenologische Untersuchungen zur Erfahrung von Vulnerabilität
摘要
Ziel dieses Aufsatzes ist es, die Erfahrung von Vulnerabilität in ihrer Besonderheit darzustellen und zu analysieren. Obwohl Verletzlichkeit zu einer zentralen Kategorie in Diskursen v. a. der praktischen Philosophie oder der Soziologie avanciert ist, wird ebendiese Erfahrung nach wie vor weniger beleuchtet als zumeist schlicht vorausgesetzt. Die Schwierigkeit dabei mag darin liegen, dass es sich dabei um ein Latenzphänomen handelt, denn Vulnerabilität tritt zumeist nicht als solche zutage, sondern deutet sich etwa in Verletzungen, Schmerz, Krankheit, Angst oder auch subtilen Erwartungshaltungen an. Der Text geht dabei von der These aus, dass ein fundamentales (existenzielles) Vertrauen in unseren Leib, die Anderen und die Welt unser In-der-Welt-sein fundiert. Dieses Vertrauen wiederum ist die Grundlage für eine zentrifugale, nach außen bzw. zur Welt hin orientierte leibliche Existenz. Vor diesem Hintergrund ist es von Relevanz, zwei fundamentale Dimensionen des Erlebens von Verletzbarkeit zu unterscheiden. Einerseits kann sich eine Erfahrung von Verletzbarkeit situativ einstellen, weil beim Eintritt etwa von Schmerz oder Erkrankung das Vertrauen in unseren Leib enttäuscht oder – im Extremfall großer Schmerzen, schwerer Krankheit oder exzessiver Gewalt – verraten scheint, wodurch es zwar in Frage gestellt wird, jedoch innerhalb konkreter Umstände; der Begriff des Pathos und das darin implizierte Moment des Überraschtseins bringt dies zum Ausdruck. Andererseits kann sich Vulnerabilität gleichsam chronifizieren, d. h. sich als zentripetale Disposition in unseren habituellen Leib als eine Spur einschreiben, die das In-der-Welt-sein durchdringt.