Vulnerabilität, Solidarität und Gewalt. Zur Phänomenologie von Verletzlichkeit und Verantwortung
摘要
Vulnerabilität als unhintergehbare Dimension der Leiblichkeit kann als Quelle von Normativität und Verantwortung verstanden werden. Emmanuel Levinas' Reflexionen über die Verletzlichkeit der/des Anderen als konstitutiv für den ethischen Anspruch sowie die eigene Verletzlichkeit als Einfallstor für diesen Anspruch sind hierfür von zentraler Relevanz. Levinas geht allerdings von einer Unbedingtheit des singulären Anspruchs aus und inkludiert erst durch die Figur des Dritten eine ambivalente Sozialität bzw. Politizität in seinen Überlegungen. Gerechtigkeit hat aus dieser Perspektive immer den Widerhaken, dass zwischen singulären Ansprüchen abgewogen, also das Unvergleichliche verglichen werden muss. Mit Überlegungen von Maurice Merleau-Ponty und Judith Butler ist es aber möglich, auch die soziale Dimension der Anerkennbarkeit und Sichtbarkeit von Vulnerabilität in den Blick zu bekommen. Gerechtigkeit ist dann nicht nur der nach Levinas gewalttätige Ausgleich singulärer Ansprüche, sondern auch abhängig von herrschenden Diskursen. Solidarität spielt demgegenüber eine ambivalente Rolle. Denn als das „Andere der Gerechtigkeit“ (vgl. Jürgen Habermas und Axel Honneth) kann Solidarität einerseits als Korrektiv der Gerechtigkeit gelten, andererseits aber auch nicht gänzlich unabhängig von hegemonialen Normen wirksam werden. Schlussendlich wird argumentiert, dass Solidarität als offener und a-teleologischer Prozess einer Inklusion dessen verstanden werden kann, was vielleicht nie ganz inkludierbar ist.