Medientheorie der Protokolle
摘要
Der Beitrag entwickelt eine Medientheorie der Protokolle, die Protokolle nicht nur als technische Standards, mit machtpolitischen Implikationen begreift, sondern auch als kulturelle und affektive Medien sozialer Organisation. Ausgehend von ihrer historischen Funktion der Verifikation (Stempel, Signatur, Siegel) zeigt der Text, wie Protokolle in digitalen Netzwerken als Kontrollmedien wirken und zugleich neue Formen digitaler Souveränität hervorbringen. Im Anschluss an Alexander Galloway und den aktuellen „Protokollstudien“ wird die gegenwärtige Konjunktur des Protokollbegriffs vor dem Hintergrund von Plattformkapitalismus, digitaler Souveränität und dezentralen Infrastrukturen analysiert (Web3, Blockchain). Zentral ist der Vorschlag von vier Elementen des Protokolls: (1) ein operatives Element als Kulturtechnik des Rechts (Authentifizierung und Verifikation), (2) ein regelbasiertes Element, das zwischen Legalität, Legitimität und Alegalität unterscheidet und die reflexive Setzung neuer Standards erlaubt, (3) ein extitutionelles Element, das die Choreographie zwischen formaler Notation und informeller, körperlicher Praxis beschreibt, sowie (4) ein weltbildendes Element, das über Vibes, Affekte und para-protokollarische Praktiken die Adoption und Fürsorge von Protokollen ermöglicht. Ein solcher Ansatz für eine Medientheorie der Protokolle baut auf den machtpolitischen Implikationen technischer Protokolle auf, verschiebt aber den Fokus auf Protokolle als operative, normative, performative und affektive Grenzobjekte, die Macht nicht nur ausüben, sondern auch neue Formen von Gemeinschaft, Legitimität und Souveränität hervorbringen können. Dieser Asnatz macht sowohl die kontrollierende als auch die emanzipatorische Dimension protokollarischer Medien sichtbar und bietet ein Instrumentarium, um ihre politische, soziale und ästhetische Wirksamkeit zu analysieren.