Gibt es eine ‚lateinamerikanische Kunst‘?
摘要
Im Beitrag wird sich mit der Frage, was hinter dem Begriff ‚lateinamerikanische‘ Kunst steht, befasst. Im ersten Teil wird der Sammelbegriff „Lateinamerika“ in seinem kulturhistorischen und kunstkritischen Gebrauch untersucht. Dabei werden unterschiedliche theoretische Ansätze (u. a. O’Gorman, Mignolo, Dussel, Quijano) einbezogen, die zeigen, dass die Definition von Kunst stark von europäischen und US-amerikanischen Konzepten geprägt ist. Die Analyse verdeutlicht, wie koloniale Machtverhältnisse und Kanonbildungen bis in gegenwärtige kunsthistorische Kategorien hineinwirken. Im zweiten Teil richtet sich der Blick auf künstlerische Praktiken der „langen“ 1980er-Jahre (1973–1994). Im Zentrum stehen der Konzeptualismus, der Einsatz des Körpers und die Grafik als Kommunikationsmedium unter Bedingungen von Diktatur, Gewalt und Zensur. Anhand von Beispielen wie Siluetazo, Cueca Sola, Mujeres por la Vida oder C.A.D.A. werden kollektive und performative Strategien aufgezeigt, die das Verschwindenlassen und die Repression sichtbar machen. Ergänzend werden geschlechtsspezifische und queere Perspektiven sowie grafische und transnationale Ausdrucksformen einbezogen. Der Aufsatz trägt zum Verständnis der engen Verbindung von Kunst und politischem Widerstand in Teilen Lateinamerikas bei und unterstreicht die Notwendigkeit, kunsthistorische Kategorien kritisch zu überdenken, um die Vielfalt und Eigenständigkeit künstlerischer Praktiken in Lateinamerika wahrzunehmen. Der Text regt dazu an, die Kunst aus Lateinamerika nichthomogenisierend als exotisch oder als Derivat des Westens zu betrachten, sondern sie in ihren lokalen, historischen und sozialen Kontexten zu betrachten, die teilweise eng mit den Folgen des Kolonialismus verknüpft sind.