Gesellschaft als eigene Realität
摘要
Ab Ende des 19. Jahrhunderts hält die Soziologie allmählich Einzug in die Universitäten. Ihre Entstehung als akademisches Fach kann dabei selbst als Reaktion auf die Herausforderungen und auch Überforderungen verstanden werden, die mit ihrem Forschungsgegenstand zusammenhängen. Es ist schließlich die durch die Folgen der Französischen Revolution, der Industrialisierung und der Entstehung neuer Massenmedien in Unruhe geratene europäische, ‚moderne‘ Form von Gesellschaft, die das gesamte (europäische) 19. Jahrhundert beschäftigte – sei es in Politik, Wissenschaft, Kunst oder Literatur. Die Soziologie bildet sich als Reflexionswissenschaft und als methodische Beobachtungsinstanz dieser sich als unruhig wahrnehmenden Gesellschaft heraus. Der zentrale Begriff, der sich zu ihrer Beschreibung durchsetzt, unterscheidet sich von historischen Vorläufern. Beschrieb das griechische politiké koinonia bzw. das lateinische societas civilis in erster Linie eine politisch geformte Einheit, also die Gemeinschaft der Bürger, die sich als Freie und Gleiche begegnen (vgl. z. B. Riedel 1975), so reagiert der soziologische Gesellschaftsbegriff, wie er von Auguste Comte, Herbert Spencer und vor allem von Émile Durkheim entworfen wird, stärker auf die empirische Erfahrung neuer Formen von ‚Unordnung‘. Er betont weniger den Aspekt der Geselligkeit als den der Ungleichheit und Unterschiedlichkeit und entwickelt sich so gesehen, wie es Friedrich Tenbruck formuliert hat, „im Hinblick auf eine […] nicht mehr gesellschaftlich verfasste Gesellschaft“ (Tenbruck 1981, S. 340). Erst dort, wo sich Einheit und Kohäsion nicht mehr von selbst ergeben oder nicht mehr selbstverständlich sind, scheint ein eigener Begriff von Gesellschaft notwendig.