Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921–1931
摘要
Die Entstehungszeit von Canettis zweitem autobiographischen Band war weitaus kürzer als die des ersten, Die gerettete Zunge (1977), obwohl es um eine „düster[e] und verzweifelt[e]“ Lebensphase ging (Br 615): Schon 1979 lagen große Teile davon vor (vgl. Hanuschek 2005, 600). Im Juli 1980 konnte das Buch erscheinen und wurde von Kritik und Publikum ganz überwiegend positiv aufgenommen. Selbst Marcel Reich-Ranicki, der dem Autor 1977 noch eine fragwürdige Selbststilisierung vorgeworfen hatte, bescheinigte der Fortsetzung ein großes Ausmaß von „literarischer Kultur und menschlicher Reife“ (Reich-Ranicki 2014). Zwar wurde weiterhin über die ‚Authentizität‘ von Canettis Lebensbeschreibung debattiert (s. Kap. 4 ), aber schon die teils satirische, gelegentlich sogar karikaturistische Darstellung einzelner Figuren der Fackel im Ohr legte nahe, dass es hier nicht um eine Dokumentation der eigenen Vita ging, sondern um eine literarische Auto(r)fiktion (vgl. Wagner-Egelhaaf 2013), eine schöpferische Versprachlichung von Erinnerungen. Auch, dass Canetti die Namen einige reale Personen zu Mischfiguren gemacht, ihre Namen erfunden oder vertauscht hat (vgl. Hackermüller), konnte nur bestätigen, dass engagierte Zeitgenossenschaft manchmal gerade aus der ‚Verfremdung‘ spricht. Denn das große Interesse an dem Band verdankte sich nicht zuletzt den Schilderungen prominenter Persönlichkeiten und historischer Ereignisse, etwa dem Wiener Justizpalastbrand von 1927 – was auch dazu geführt hat, dass man hier schon den Übergang von der – ‚privaten‘ – Autobiographie zu den Memoiren – als Reminiszenzen öffentlichen Lebens – sehen wollte (Holdenried 2000, 256). In jedem Fall führte das Buch über die Familien- und Bildungsgeschichte hinaus ins Politische (vgl. Stieg 1990, Marti 1997, Scimonello 1997); Canettis prägende Erfahrungen, etwa das Massenerlebnis, sind als Grundimpulse seines Schreibens festgehalten. Zur zentralen, geradezu emblematischen Figur des Bandes wird aber Karl Kraus (vgl. Stieg 1997): Mit dem Titel gemeint ist dessen legendäre, von 1899 bis 1936 erschienene Zeitschrift Die Fackel, in der er die Korruption in der österreichischen Presse, Politik und Justiz an den Pranger stellte. Eine ‚Fackel im Ohr‘ ist aber auch ein schmerzhaftes Bild für die gesprochenen Brandreden. Canettis Lebenszeugnis stellt daher nicht nur eine Reverenz dar vor dem sicherlich wichtigsten Vorbild seiner Adoleszenzjahre, sondern schildert auch die Selbstbehauptung gegenüber dessen überwältigendem Einfluss: Von der Gnadenlosigkeit des Kraus’schen Urteils wird sich Canetti nunmehr distanzieren. Die Emanzipation von diesem Vorbild, so legt es die ‚Lebensgeschichte‘ nahe, stellt auch eine Voraussetzung für die eigene schriftstellerische Laufbahn dar.