Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend
摘要
Im Jahr 1971 begann Canetti mit der Niederschrift seiner Lebenserinnerungen. Die Geburt seiner Tochter (1972) mag das Bedürfnis, Familien- und Lebensgeschichte festzuhalten, verstärkt haben. Im September 1976 war die Arbeit am ersten Band, Die gerettete Zunge, abgeschlossen. Das Buch erschien im Frühjahr 1977 mit großer Resonanz; es habe ihn, so Canetti mit ebenso viel Stolz wie Ironie, zu einem ‚Erfolgsautor‘ gemacht (vgl. Hanuschek 2005, 573–577). Die Kritik reagierte allerdings sehr unterschiedlich; Marcel Reich-Ranicki etwa warf Canetti das „fragwürdige Bedürfnis“ vor, „die eigene Vergangenheit zu stilisieren“ (Reich-Ranicki 1977), was für Canetti wohl umso unerträglicher war, als er selbst das Gefühl hatte, sehr Persönliches ohne Rückhalt mitgeteilt zu haben: „Es ist mit der Wahrheit nicht zu spaßen, wenn man sich einmal ernsthaft mit ihr eingelassen hat“ (Br 542). Aber auch wohlmeinende Rezensenten erhoben vorsichtige Einwände gegen die Art und Weise, wie hier an der linearen Erzählbarkeit einer Vita, an der Intaktheit des autobiographischen Subjekts und an der Verlässlichkeit der Erinnerung festgehalten worden sei. Zudem habe Canetti die Narration teleologisch auf sein Dichter-Werden angelegt und seine Erlebnisse zu einer Vorgeschichte seiner Werke geordnet; es handle sich um den „utopische[n] Versuch, die Identität von Leben und Werk als zustande gebrachte, verwirklichte zu beschwören“ (Hieber 1977).