Sigmund Freud
摘要
Dass Elias Canetti mit Freuds Hauptthesen bestens vertraut war, geht aus seiner Autobiographie hervor, wo es heißt, Freud sei im Wien der 1920er-Jahre ein beliebtes Gesprächsthema gewesen: „Es gab kaum ein Gespräch, in dem der Name Freud nicht auftauchte. […] Fehlleistungen aber waren eine Art von Gesellschaftsspiel geworden“ (FiO 116). Von einer eingehenden Auseinandersetzung mit Freud geben Canettis in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrten Notizen Zeugnis; außerdem traf er Freud vier- oder fünfmal persönlich, ohne den damals Hochbetagten wirklich kennenzulernen (vgl. Hanuschek 2005, 124). Manches an der Psychoanalyse allerdings stimmte Canetti skeptisch, vor allem der unvermeidliche Rückgriff auf den Ödipus-Komplex, um jede Art von Aggression zu deuten. Solche Erklärungsversuche, meinte Canetti im Nachhinein, tendierten dazu, die Aggression, wie viele Menschen sie vor allem im Weltkrieg erlebt hatten, zu banalisieren und dadurch zu verharmlosen. Hinzu kam, dass sich Freuds Anhänger mit der „Psychologie individueller Prozesse, wie sie Freud in unerschütterlicher Selbstgewißheit bot“ (FiO 118), begnügten, während Canetti aufgrund seiner frühen Massenerlebnisse zu der Überzeugung neigte, dass dem Phänomen der Masse auf ganze andere Weise beizukommen sei.