Briefe 1942–1994
摘要
Elias Canetti hat sich verschiedener literarischer Gattungen bedient und dabei ein großes Repertoire entwickelt, vom Roman über die Theaterstücke, den philosophisch-anthropologischen Essay und die autobiographischen Bände bis zu den Aufzeichnungen. Seine Briefe hat er selbst nie als ‚Werk‘ drucken, die Briefe an ihn in seinem Nachlass für 30 Jahre sperren lassen und die Gattung damit offenbar als rein private und geschäftliche Ausdrucksform gesehen (wenige Ausnahmen finden sich in Hartung 1992). Ihr Repertoire entspricht in der emotionalen – wenn auch nicht der stilistischen – Vielfalt dem gesamten Korpus der Aufzeichnungen (also den gedruckten Bänden wie den ungedruckten im Nachlass, die auch einige Tonlagen aufweisen, die Canetti sich öffentlich nicht zugestanden hat). Canetti tritt hier als professionell harter Verhandler gegenüber seinen Verlegern auf. Es gibt freundschaftliche Briefwechsel mit Kollegen und Literaturkritikern, strategisch gestellt-freundliche Briefe, Kommentare und Beschreibungen des politischen Zeitgenossen und immer wieder Briefwechsel mit (zeitweiligen) Freunden und Freundinnen: etwa mit Cilli Wang (1909–2005), Rudolf Hartung (1914–1985), Herbert G. Göpfert (1907–2007), Wolfgang Kraus (1924–1998) und Joachim Schickel (1924–2002), die oft Funktionen im literarischen Betrieb innehatten. Hartung hat als Kritiker und Herausgeber der Neuen Rundschau gearbeitet und 1968 Canettis Kafka-Essay Der andere Prozess veröffentlicht (GdW 77–165; vgl. Canetti 2011; Hartung 1992); Göpfert war seit der dritten deutschen Ausgabe der Blendung 1963 Canettis Verleger bei Hanser; Kraus der Gründer und Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und damit Organisator vielbeachteter Lesungen in Wien. Allein Wang hatte keine Doppelfunktion; die Tänzerin, Kabarettistin und Marionettenbauerin war seit 1932 zusammen mit ihrem bereits 1945 verstorbenen Mann Hans Schlesinger mit Canetti befreundet (vgl. Fetz 2021).