Masse und Macht
摘要
Laut Canettis autobiographischen Rückblicken hatte ihn das Problem der Masse von Jugend an beschäftigt. Er berichtet von der staunenden Masse, die den Halleyschen Kometen betrachtete (vgl. GZ 31); von der öffentlichen Trauer nach dem Untergang der ‚Titanic‘ (vgl. GZ 62–63); von der feindlichen Masse, die die Brüder Canetti in Baden konfrontierten, als sie ‚God save the King‘ statt ‚Heil dir im Siegerkranz‘ sangen (GZ 113; Canetti 1972, 110). Besonders einprägsam war das Erlebnis der Masse im Juni 1922 bei einer Frankfurter Arbeiterdemonstration nach der Ermordung Rathenaus; dies war, so Canetti 1959, „der eigentliche Keim“ von Masse und Macht (PdM 242, vgl. Canetti 1972, 112). Spätestens 1926 fing er an, einschlägiges Material zu sammeln. Dann kam der 15.07.1927, der Tag, an dem der Wiener Justizpalast in Flammen aufging (vgl. Stieg 1990). Etwa um 1931 erkannte er, dass ein Studium der Masse durch eine Untersuchung der Macht ergänzt werden müsse (vgl. Hanuschek 2005, 439). Dem befreundeten Kommunisten Ernst Fischer zufolge pflegte Canetti damals das Aufgehen des Einzelnen in der alle gleichmachenden Masse als einzigen Schutz gegen die tyrannische Macht und sogar gegen den Tod zu befürworten (vgl. Fischer 1969). In der Blendung meint der Psychiater Georges Kien, „die Wirksamkeit der Masse in der Geschichte und im Leben des einzelnen“ entdeckt zu haben (B 450).