Als Begleiter eines englischen Filmteams reiste Elias Canetti auf Einladung seines vermögenden Freundes Aymer Maxwell Anfang März 1954 nach Marrakesch. Marokko befand sich damals in Ablösung aus französischer Kolonialherrschaft und erlangte zwei Jahre später die staatliche Unabhängigkeit. Canetti verließ London in einer kritischen Lebenssituation, überschattet durch das qualvolle Leiden und den Tod seiner früheren Geliebten und literarischen Schülerin Friedl Benedikt; er erfuhr in Marokko nach fast zwei Jahrzehnten von Exil und Heimatlosigkeit (vgl. Suchy 1973) die verstörende Fremdheit einer Ortsveränderung, die nicht mit Reminiszenzen an die verlorene Heimatsphäre Mittel- und Osteuropas verbunden war. In seinen (unveröffentlichten) Tagebuchnotizen hat Canetti die Marrakesch-Episode als „merkwürdigste Reise meines Lebens“ bezeichnet, eben weil sie „keine Rückkehr war“ (02.04.1954, ZB 54; zit. nach Hanuschek 2005, 529). Und doch konfrontierte sie den Autor mit Spuren jener iberisch-sephardischen Form des Judentums, von der sich auch Canettis Familiengeschichte genealogisch ableiten ließ (vgl. Stoll 1997; Boubia 1998; Dimitrova und Angelova 2004).

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Die Stimmen von Marrakesch

  • Alexander Honold

摘要

Als Begleiter eines englischen Filmteams reiste Elias Canetti auf Einladung seines vermögenden Freundes Aymer Maxwell Anfang März 1954 nach Marrakesch. Marokko befand sich damals in Ablösung aus französischer Kolonialherrschaft und erlangte zwei Jahre später die staatliche Unabhängigkeit. Canetti verließ London in einer kritischen Lebenssituation, überschattet durch das qualvolle Leiden und den Tod seiner früheren Geliebten und literarischen Schülerin Friedl Benedikt; er erfuhr in Marokko nach fast zwei Jahrzehnten von Exil und Heimatlosigkeit (vgl. Suchy 1973) die verstörende Fremdheit einer Ortsveränderung, die nicht mit Reminiszenzen an die verlorene Heimatsphäre Mittel- und Osteuropas verbunden war. In seinen (unveröffentlichten) Tagebuchnotizen hat Canetti die Marrakesch-Episode als „merkwürdigste Reise meines Lebens“ bezeichnet, eben weil sie „keine Rückkehr war“ (02.04.1954, ZB 54; zit. nach Hanuschek 2005, 529). Und doch konfrontierte sie den Autor mit Spuren jener iberisch-sephardischen Form des Judentums, von der sich auch Canettis Familiengeschichte genealogisch ableiten ließ (vgl. Stoll 1997; Boubia 1998; Dimitrova und Angelova 2004).