Der ‚Trugschluss des vollkommenen Wörterbuchs‘ (‚fallacy of the perfect dictionary‘) ist werksgeschichtlich der letzte von drei Fehlschlüssen, die Whitehead im Zuge seines philosophischen Schaffens diagnostiziert. Seine erste und zugleich einzige Erwähnung findet der Trugschluss auf den letzten Seiten von Whiteheads Buch Denkweisen und damit auch am Ende von Whiteheads philosophischem Schaffen. Kritisiert wird mit ihm die irrtümliche Annahme, der philosophische Verstand kenne bereits alle jene fundamentalen Ideen, die hinreichend für eine adäquate Kategorisierung der Wirklichkeit sind, und verfüge zugleich über eine Sprache, die es erlaubt, jene Ideen in klarer und eindeutiger Weise explizit zu machen (MTd, 200/ MT, 173). Neben dem ‚Trugschluss der einfachen Lokalisierung‘ und dem ‚Trugschluss der unzutreffenden Konkretheit‘ kommt diesem Fehlschluss offenbar nur eine geringe Bedeutung zu. Versteht man die Kritik eines unangemessenen Vertrauens in die verfügbaren sprachlichen Mittel als Hinweis darauf, dass Wörter und Sätze zwangsläufig ein höheres Maß an Abstraktheit aufweisen als die unmittelbare Erfahrung, lässt sich der Trugschluss des vollkommenen Wörterbuchs sogar als eine Anwendung der fallacy of misplaced concreteness auf die Sprache als Werkzeug der Philosophie deuten. Ein solcher Eindruck täuscht jedoch insofern, als in der prägnanten Wendung in kondensierter Form ein sprachkritisches Anliegen zum Ausdruck gebracht wird, das die Metaphysik und Wissenschaftstheorie Whiteheads seit spätestens Mitte der 1920er kennzeichnet. Zwar nicht dem Begriff, aber doch zumindest der Sache nach findet sich der Hinweis auf die notwendige Unvollständigkeit des sprachlichen Inventars der Philosophie nämlich bereits in Abenteuer der Ideen. Als „Denkfehler des Dogmatismus“ (‚The Dogmatic Fallacy‘) wird hier die Überzeugung bezeichnet, „daß wir in der Lage wären, Begriffe hervorzubringen, die sich im Hinblick auf die mannigfaltigen Beziehungen, die zu ihrer Exemplifizierung in der realen Welt erforderlich sind, mit hinreichender Klarheit bestimmen ließen“ (AId, 283/ AI, 144–145). Zugleich grenzt Whitehead sich mit dem Trugschluss des vollkommenen Wörterbuchs dezidiert vom sprachanalytischen Programm seines langjährigen Freundes und Kollegen Bertrand Russell ab, das von der möglichen Rückführung der normalsprachlichen Sätze auf irreduzible und atomistische Sachverhalte ausgeht. Die analytische Schule vernachlässige den Sinn für Abenteuer und Neuheit zugunsten des vergeblichen Strebens nach Gewissheit.

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Trugschluss des vollkommenen Wörterbuchs

  • Dennis Sölch

摘要

Der ‚Trugschluss des vollkommenen Wörterbuchs‘ (‚fallacy of the perfect dictionary‘) ist werksgeschichtlich der letzte von drei Fehlschlüssen, die Whitehead im Zuge seines philosophischen Schaffens diagnostiziert. Seine erste und zugleich einzige Erwähnung findet der Trugschluss auf den letzten Seiten von Whiteheads Buch Denkweisen und damit auch am Ende von Whiteheads philosophischem Schaffen. Kritisiert wird mit ihm die irrtümliche Annahme, der philosophische Verstand kenne bereits alle jene fundamentalen Ideen, die hinreichend für eine adäquate Kategorisierung der Wirklichkeit sind, und verfüge zugleich über eine Sprache, die es erlaubt, jene Ideen in klarer und eindeutiger Weise explizit zu machen (MTd, 200/ MT, 173). Neben dem ‚Trugschluss der einfachen Lokalisierung‘ und dem ‚Trugschluss der unzutreffenden Konkretheit‘ kommt diesem Fehlschluss offenbar nur eine geringe Bedeutung zu. Versteht man die Kritik eines unangemessenen Vertrauens in die verfügbaren sprachlichen Mittel als Hinweis darauf, dass Wörter und Sätze zwangsläufig ein höheres Maß an Abstraktheit aufweisen als die unmittelbare Erfahrung, lässt sich der Trugschluss des vollkommenen Wörterbuchs sogar als eine Anwendung der fallacy of misplaced concreteness auf die Sprache als Werkzeug der Philosophie deuten. Ein solcher Eindruck täuscht jedoch insofern, als in der prägnanten Wendung in kondensierter Form ein sprachkritisches Anliegen zum Ausdruck gebracht wird, das die Metaphysik und Wissenschaftstheorie Whiteheads seit spätestens Mitte der 1920er kennzeichnet. Zwar nicht dem Begriff, aber doch zumindest der Sache nach findet sich der Hinweis auf die notwendige Unvollständigkeit des sprachlichen Inventars der Philosophie nämlich bereits in Abenteuer der Ideen. Als „Denkfehler des Dogmatismus“ (‚The Dogmatic Fallacy‘) wird hier die Überzeugung bezeichnet, „daß wir in der Lage wären, Begriffe hervorzubringen, die sich im Hinblick auf die mannigfaltigen Beziehungen, die zu ihrer Exemplifizierung in der realen Welt erforderlich sind, mit hinreichender Klarheit bestimmen ließen“ (AId, 283/ AI, 144–145). Zugleich grenzt Whitehead sich mit dem Trugschluss des vollkommenen Wörterbuchs dezidiert vom sprachanalytischen Programm seines langjährigen Freundes und Kollegen Bertrand Russell ab, das von der möglichen Rückführung der normalsprachlichen Sätze auf irreduzible und atomistische Sachverhalte ausgeht. Die analytische Schule vernachlässige den Sinn für Abenteuer und Neuheit zugunsten des vergeblichen Strebens nach Gewissheit.