Zwei Arten von Fotografien dominieren die Wahrnehmung von Hermann Hesse: Hesse nackt in den Bergen, wie etwa auf einer Wanderung bei Amden, und der Autor lesend, von Büchern umgeben. Hesse erscheint in der fotografischen Inszenierung seiner Person als gelebte Synthese von Natur und Kultur. Während sowohl biographisch als auch künstlerisch ein ebenso enges wie emphatisches Verhältnis zur Natur und zur Lebensreformbewegung belegt ist, erscheint der Bereich der Kultur in Hesses Werk vielschichtiger und ambivalenter. Neben Kunst und Literatur sind Geschichte, Religion, Mythologie sowie insbesondere indische und ostasiatische Kulturen nur einige der Bereiche, die für sein Kulturverständnis von Belang sind. Die Protagonisten in den Romanen erhalten auf ihren Leidenswegen zwar immer wieder Trost in der einsamen Natur; ihr Streben führt sie aber auch hin zu den Symbolen der Mythologie, der Religion und der Poesie (vgl. die Bedeutung von Abraxas in Demian oder der daoistischen und hinduistischen Schriften in Siddhartha). Im Gegensatz dazu verabscheuen diese Suchenden die institutionelle Tradierung normativer Ordnungen durch Kultur, sei es in Kirche oder Schule, oder durch soziale Gefüge wie der Familie. In allen Phasen von Hesses Werk und in allen literarischen wie künstlerischen Gattungen schlägt sich eine durchaus zeittypische Kulturkritik nieder, welche die moderne Industrialisierung und die damit einhergehende Rationalisierung beklagt. Bereits der 15-jährige Hesse kämpft mit dem Argument der „Natur“ gegen seine Erziehung in der Heil- und Pflegeanstalt Stetten: „Ich bin Mensch, ‚Person‘, wie Schiller sagt, meine Erzeugerin ist allein die Natur, und sie hat mich nie, nie schlecht behandelt“ (Hermann Hesse an seine Eltern, 11.9.1892; B 1, 107). Dass Emil Sinclair – Hesses Pseudonym und Alter Ego – nach einer Vereinigung der ‚hellen‘ und der ‚dunklen‘ Welt seiner Jugend strebt, zeigt zudem, dass es Hesse in seiner Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse C. G. Jungs auch darum geht, die mit Natur bezeichnete andere Seite des Menschen, wofür unter anderem die Triebe und die Träume stehen, zu integrieren. Der modernen Rationalisierung setzt Hesse eine spezifische ganzheitliche Erfahrung der Natur entgegen, die zur ästhetischen Wahrnehmung und zum persönlichen Ausdruck gesteigert wird. Das Gedicht Häuser, Felder, Gartenzaun formuliert entsprechend die Sehnsucht nach einer Überwindung der Grenzen zwischen dem Ich und der Welt: „Trinken will ich euch, geht in mich ein, / Gras und See und Palme will ich sein! / Warum bin ich so von euch geschieden?“ (10, 267). Formuliert wird die Phantasie, die Trennung von Mensch und Welt, Natur und Kultur in eine harmonische Synthese zu überführen, wobei die Dominanz der willensbetonten Ich-Perspektive diesem Anliegen entgegensteht.

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Natur/Kultur

  • Claudia Keller

摘要

Zwei Arten von Fotografien dominieren die Wahrnehmung von Hermann Hesse: Hesse nackt in den Bergen, wie etwa auf einer Wanderung bei Amden, und der Autor lesend, von Büchern umgeben. Hesse erscheint in der fotografischen Inszenierung seiner Person als gelebte Synthese von Natur und Kultur. Während sowohl biographisch als auch künstlerisch ein ebenso enges wie emphatisches Verhältnis zur Natur und zur Lebensreformbewegung belegt ist, erscheint der Bereich der Kultur in Hesses Werk vielschichtiger und ambivalenter. Neben Kunst und Literatur sind Geschichte, Religion, Mythologie sowie insbesondere indische und ostasiatische Kulturen nur einige der Bereiche, die für sein Kulturverständnis von Belang sind. Die Protagonisten in den Romanen erhalten auf ihren Leidenswegen zwar immer wieder Trost in der einsamen Natur; ihr Streben führt sie aber auch hin zu den Symbolen der Mythologie, der Religion und der Poesie (vgl. die Bedeutung von Abraxas in Demian oder der daoistischen und hinduistischen Schriften in Siddhartha). Im Gegensatz dazu verabscheuen diese Suchenden die institutionelle Tradierung normativer Ordnungen durch Kultur, sei es in Kirche oder Schule, oder durch soziale Gefüge wie der Familie. In allen Phasen von Hesses Werk und in allen literarischen wie künstlerischen Gattungen schlägt sich eine durchaus zeittypische Kulturkritik nieder, welche die moderne Industrialisierung und die damit einhergehende Rationalisierung beklagt. Bereits der 15-jährige Hesse kämpft mit dem Argument der „Natur“ gegen seine Erziehung in der Heil- und Pflegeanstalt Stetten: „Ich bin Mensch, ‚Person‘, wie Schiller sagt, meine Erzeugerin ist allein die Natur, und sie hat mich nie, nie schlecht behandelt“ (Hermann Hesse an seine Eltern, 11.9.1892; B 1, 107). Dass Emil Sinclair – Hesses Pseudonym und Alter Ego – nach einer Vereinigung der ‚hellen‘ und der ‚dunklen‘ Welt seiner Jugend strebt, zeigt zudem, dass es Hesse in seiner Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse C. G. Jungs auch darum geht, die mit Natur bezeichnete andere Seite des Menschen, wofür unter anderem die Triebe und die Träume stehen, zu integrieren. Der modernen Rationalisierung setzt Hesse eine spezifische ganzheitliche Erfahrung der Natur entgegen, die zur ästhetischen Wahrnehmung und zum persönlichen Ausdruck gesteigert wird. Das Gedicht Häuser, Felder, Gartenzaun formuliert entsprechend die Sehnsucht nach einer Überwindung der Grenzen zwischen dem Ich und der Welt: „Trinken will ich euch, geht in mich ein, / Gras und See und Palme will ich sein! / Warum bin ich so von euch geschieden?“ (10, 267). Formuliert wird die Phantasie, die Trennung von Mensch und Welt, Natur und Kultur in eine harmonische Synthese zu überführen, wobei die Dominanz der willensbetonten Ich-Perspektive diesem Anliegen entgegensteht.