„Dieser harmlose Schriftsteller! Dieser unglaublich harmlose Schriftsteller! Dieser entsetzlich harmlose Schriftsteller!“ (aus der Erinnerung von Willy Haas, zit. nach 15, 802). Mit diesen Worten beschrieb der Schriftsteller und Literaturkritiker Alfred Kerr einst seinen Kollegen Hermann Hesse und dessen literarisches Werk. Es lässt sich heute nicht mehr eindeutig bestimmen, auf welchen Teil von Hesses Arbeit sich diese Aussage bezog, denn neben dem wohl bekanntesten, der Belletristik, könnte auch ein anderer Teil seines Œuvres das Ziel von Kerrs Kritik gewesen sein: seine literaturkritischen Schriften (vgl. Pfohlmann 2003a, 11). Hesse hat nämlich neben seiner Arbeit als Dichter auch viel Zeit darauf verwendet, Werke von anderen Autor:innen zu besprechen, und so über einen Zeitraum von 60 Jahren hinweg 3.365 Kritiken geschrieben (vgl. Schickling 2005a, 8), was insgesamt etwa ein Viertel seiner zwanzigbändigen Werkausgabe ausmacht (vgl. Schickling 2004, 67). Vergleicht man Hesses Literaturkritiken mit denen, die Alfred Kerr verfasste, wird schnell klar, dass Hesses Buchbesprechungen auf Kerr durchaus „harmlos“ wirken konnten, denn anders als jener verzichtete Hesse weitestgehend auf öffentliche Abwertungen von Büchern und fokussierte sich konträr dazu auf deren lobenswerte Aspekte (vgl. Pfohlmann 2003a, 11). Auf einen derartigen Unterschied in der Ausrichtung von Literaturkritiken zielt auch folgende Frage ab: „Haben warmherzige Buchempfehlungen aus dem Bauch heraus die Analysen mit kühlem Kopf, die ein Buch auch mal in kleine Stücke zerreißen, weitgehend abgelöst?“ (Gerk 2020). Hesses Kritiken wären hierbei die „warmherzige[n] Buchempfehlungen“, Kerr hingegen derjenige, der „ein Buch auch mal in kleine Stücke zerreiß[t]“ – die Differenz der beiden Kritiker scheint also prägnant erfasst zu sein. Allerdings ist diese Gegenüberstellung nicht auf die Buchbesprechungen von Kerr und Hesse bezogen; tatsächlich wurde sie erst 2020, also im aktuellen Diskurs um Wandlungsprozesse der Literaturkritik und über 100 Jahre nach Veröffentlichung von Hesses ersten literaturkritischen Schriften thematisiert. Offenbar wenden sich also aktuelle Formen der Literaturkritik ebenfalls vor allem den positiven Facetten der Literatur zu und weichen so auf ähnliche Weise von der dabei gängigen (institutionellen) Praxis ab wie damals Hesse. Diese Parallele wirft die Frage auf, ob Hermann Hesse in seinen Rezensionen möglicherweise schon Grundsätze von aktueller und heute immer noch innovativer Literaturkritik umgesetzt hat und so als zukunftsweisender Literaturkritiker gesehen werden kann. Um dem nachzugehen und die Grundsätze im Einzelnen zu identifizieren, folgt eine genauere Beschäftigung mit den von der Forschung lange Zeit unerschlossenen literaturkritischen Schriften Hesses (vgl. Schickling 2005a, 222), mit Fokus auf seinen Zielsetzungen und charakteristischen Gestaltungselementen.

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Hesse als (moderner?) Kritiker und Literaturvermittler

  • Jule Spindler

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„Dieser harmlose Schriftsteller! Dieser unglaublich harmlose Schriftsteller! Dieser entsetzlich harmlose Schriftsteller!“ (aus der Erinnerung von Willy Haas, zit. nach 15, 802). Mit diesen Worten beschrieb der Schriftsteller und Literaturkritiker Alfred Kerr einst seinen Kollegen Hermann Hesse und dessen literarisches Werk. Es lässt sich heute nicht mehr eindeutig bestimmen, auf welchen Teil von Hesses Arbeit sich diese Aussage bezog, denn neben dem wohl bekanntesten, der Belletristik, könnte auch ein anderer Teil seines Œuvres das Ziel von Kerrs Kritik gewesen sein: seine literaturkritischen Schriften (vgl. Pfohlmann 2003a, 11). Hesse hat nämlich neben seiner Arbeit als Dichter auch viel Zeit darauf verwendet, Werke von anderen Autor:innen zu besprechen, und so über einen Zeitraum von 60 Jahren hinweg 3.365 Kritiken geschrieben (vgl. Schickling 2005a, 8), was insgesamt etwa ein Viertel seiner zwanzigbändigen Werkausgabe ausmacht (vgl. Schickling 2004, 67). Vergleicht man Hesses Literaturkritiken mit denen, die Alfred Kerr verfasste, wird schnell klar, dass Hesses Buchbesprechungen auf Kerr durchaus „harmlos“ wirken konnten, denn anders als jener verzichtete Hesse weitestgehend auf öffentliche Abwertungen von Büchern und fokussierte sich konträr dazu auf deren lobenswerte Aspekte (vgl. Pfohlmann 2003a, 11). Auf einen derartigen Unterschied in der Ausrichtung von Literaturkritiken zielt auch folgende Frage ab: „Haben warmherzige Buchempfehlungen aus dem Bauch heraus die Analysen mit kühlem Kopf, die ein Buch auch mal in kleine Stücke zerreißen, weitgehend abgelöst?“ (Gerk 2020). Hesses Kritiken wären hierbei die „warmherzige[n] Buchempfehlungen“, Kerr hingegen derjenige, der „ein Buch auch mal in kleine Stücke zerreiß[t]“ – die Differenz der beiden Kritiker scheint also prägnant erfasst zu sein. Allerdings ist diese Gegenüberstellung nicht auf die Buchbesprechungen von Kerr und Hesse bezogen; tatsächlich wurde sie erst 2020, also im aktuellen Diskurs um Wandlungsprozesse der Literaturkritik und über 100 Jahre nach Veröffentlichung von Hesses ersten literaturkritischen Schriften thematisiert. Offenbar wenden sich also aktuelle Formen der Literaturkritik ebenfalls vor allem den positiven Facetten der Literatur zu und weichen so auf ähnliche Weise von der dabei gängigen (institutionellen) Praxis ab wie damals Hesse. Diese Parallele wirft die Frage auf, ob Hermann Hesse in seinen Rezensionen möglicherweise schon Grundsätze von aktueller und heute immer noch innovativer Literaturkritik umgesetzt hat und so als zukunftsweisender Literaturkritiker gesehen werden kann. Um dem nachzugehen und die Grundsätze im Einzelnen zu identifizieren, folgt eine genauere Beschäftigung mit den von der Forschung lange Zeit unerschlossenen literaturkritischen Schriften Hesses (vgl. Schickling 2005a, 222), mit Fokus auf seinen Zielsetzungen und charakteristischen Gestaltungselementen.