Kurz nach dem Sensationserfolg seines ersten Romans hat Hermann Hesse festgehalten: „Der [Peter] Camenzind hat mich berühmt gemacht, nun kann ich schreiben, was ich will“ (B 1, 629). Tatsächlich gründet auf diesem Roman die literarische ebenso wie die bürgerliche Existenz des Autors Hesse. Er entsteht in der Basler Zeit, in der Hesse beruflich mit Büchern handelte und in der Freizeit welche schrieb. Den Ausgangspunkt bilden Abendgesellschaften im Haus des Stadtarchivars Rudolf Wackernagel, die dem unbeholfenen Sortimentsgehilfen erstmals urbane Umgangsformen abverlangten. Dort verkehrte auch Elisabeth La Roche. Der junge „Grobian“ (Hesse 1978, 220) betete sie an und sah sich daher gezwungen, bella figura zu machen. Aus der sozialen Verlegenheit ging im September 1900 „der Embryo eines Romans“ hervor (Hermann Hesse an Richard von Schaukal, 17.8.1902; B 1, 426). Während eines einsamen Sommerurlaubs in Vitznau am Vierwaldstädter See ließ Hesse die Alpen auf sich wirken und stieß auf dem Friedhof von Gersau auf den dort stark verbreiteten Namen Camenzind. Im folgenden Winter hat er an seinem Roman gearbeitet, kam aber nur äußerst langsam voran (vgl. Hermann Hesse an Rudolf Wackernagel, 19.10.1902; B 1, 433; Hermann Hesse an die Familie in Calw, 8.4.1903; B 1, 447). Als er nach der Kündigung seiner Stelle im März 1901 wieder bei den moralisch rigiden Eltern in Calw wohnte, war sein „ungeschriebener Roman“ Thema im Tagebuch: „den Firniß des heutigen Stils“ sollte er ignorieren und allein durch „das Gute und Wahre“ wirken (11, 196). Im Rückblick auf die schwere Krise, die ihn nach dem Tod der Mutter im September und Oktober 1902 erneut von Basel nach Calw ins Elternhaus flüchten ließ, spricht er von der Arbeit an „einem großen Romanprojekt, das mich seit vielen Monaten beschäftigt“ (Hermann Hesse an Ernst Knodt, 10.9.1902; B 1, 429). Als daher der Fischer-Verlag, angetan vom Hermann Lauscher, am 30.1.1903 um die Zusendung neuerer Arbeiten bat (vgl. B 1, 619 f.), reagierte Hesse prompt und versprach am 2.2.1903 „eine kleine Prosadichtung“, in der er „intime Dinge in moderner Form auszusprechen“ versuche (Hermann Hesse an Moritz Heimann, 2.2.1903; B 1, 439). Die Arbeit sei bereits weit vorangeschritten. Ende März 1903 bestand das seit dem Vitznauer Sommer erarbeitete Konvolut „allmählich nur noch aus Korrekturen, Streichungen und Varianten“ (Hermann Hesse an Alfons Paquet, 20.3.1903; B 1, 447). Seine Endgestalt erhielt es nach der zusammen mit Maria Bernoulli unternommenen zweiten Italienreise (1.–24.4.1903). Hesse gelang es nun überraschend schnell (möglicherweise mit Maria Bernoullis Unterstützung), die „Schwergeburt“ (Hermann Hesse an Cesco Como, 8.5.1903; B 1, 449) abzuschließen. Am 9.5. kündigte er dem Verlag das Manuskript an – die erste Hälfte ist heute verloren, die zweite befindet sich in Privatbesitz –, und am 18.5. äußerte sich Samuel Fischer begeistert über „das wundervolle Werk“ (B 1, 621). Der Verlagsvertrag wurde am 9.6.1903 abgeschlossen. Ein vom Autor vereinbarungsgemäß um 20% gekürzter Vorabdruck erschien 1903 in den Oktober-, November- und Dezemberheften der Neuen deutschen Rundschau. Die Buchausgabe wurde am 17.2.1904 vom Verlag angezeigt. Sie erschien ohne Gattungsangabe und mit der später revidierten Widmung „Meinem Freund Ludwig Finckh“ in einer rasch vergriffenen Startauflage von 1.000 Exemplaren. Ähnlich wie Emil Strauß’ Erfolgsroman Freund Hein war sie mit einem Rahmenornament in Jugendstilmanier ausgestattet.

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Peter Camenzind (1904)

  • Ulrich Breuer

摘要

Kurz nach dem Sensationserfolg seines ersten Romans hat Hermann Hesse festgehalten: „Der [Peter] Camenzind hat mich berühmt gemacht, nun kann ich schreiben, was ich will“ (B 1, 629). Tatsächlich gründet auf diesem Roman die literarische ebenso wie die bürgerliche Existenz des Autors Hesse. Er entsteht in der Basler Zeit, in der Hesse beruflich mit Büchern handelte und in der Freizeit welche schrieb. Den Ausgangspunkt bilden Abendgesellschaften im Haus des Stadtarchivars Rudolf Wackernagel, die dem unbeholfenen Sortimentsgehilfen erstmals urbane Umgangsformen abverlangten. Dort verkehrte auch Elisabeth La Roche. Der junge „Grobian“ (Hesse 1978, 220) betete sie an und sah sich daher gezwungen, bella figura zu machen. Aus der sozialen Verlegenheit ging im September 1900 „der Embryo eines Romans“ hervor (Hermann Hesse an Richard von Schaukal, 17.8.1902; B 1, 426). Während eines einsamen Sommerurlaubs in Vitznau am Vierwaldstädter See ließ Hesse die Alpen auf sich wirken und stieß auf dem Friedhof von Gersau auf den dort stark verbreiteten Namen Camenzind. Im folgenden Winter hat er an seinem Roman gearbeitet, kam aber nur äußerst langsam voran (vgl. Hermann Hesse an Rudolf Wackernagel, 19.10.1902; B 1, 433; Hermann Hesse an die Familie in Calw, 8.4.1903; B 1, 447). Als er nach der Kündigung seiner Stelle im März 1901 wieder bei den moralisch rigiden Eltern in Calw wohnte, war sein „ungeschriebener Roman“ Thema im Tagebuch: „den Firniß des heutigen Stils“ sollte er ignorieren und allein durch „das Gute und Wahre“ wirken (11, 196). Im Rückblick auf die schwere Krise, die ihn nach dem Tod der Mutter im September und Oktober 1902 erneut von Basel nach Calw ins Elternhaus flüchten ließ, spricht er von der Arbeit an „einem großen Romanprojekt, das mich seit vielen Monaten beschäftigt“ (Hermann Hesse an Ernst Knodt, 10.9.1902; B 1, 429). Als daher der Fischer-Verlag, angetan vom Hermann Lauscher, am 30.1.1903 um die Zusendung neuerer Arbeiten bat (vgl. B 1, 619 f.), reagierte Hesse prompt und versprach am 2.2.1903 „eine kleine Prosadichtung“, in der er „intime Dinge in moderner Form auszusprechen“ versuche (Hermann Hesse an Moritz Heimann, 2.2.1903; B 1, 439). Die Arbeit sei bereits weit vorangeschritten. Ende März 1903 bestand das seit dem Vitznauer Sommer erarbeitete Konvolut „allmählich nur noch aus Korrekturen, Streichungen und Varianten“ (Hermann Hesse an Alfons Paquet, 20.3.1903; B 1, 447). Seine Endgestalt erhielt es nach der zusammen mit Maria Bernoulli unternommenen zweiten Italienreise (1.–24.4.1903). Hesse gelang es nun überraschend schnell (möglicherweise mit Maria Bernoullis Unterstützung), die „Schwergeburt“ (Hermann Hesse an Cesco Como, 8.5.1903; B 1, 449) abzuschließen. Am 9.5. kündigte er dem Verlag das Manuskript an – die erste Hälfte ist heute verloren, die zweite befindet sich in Privatbesitz –, und am 18.5. äußerte sich Samuel Fischer begeistert über „das wundervolle Werk“ (B 1, 621). Der Verlagsvertrag wurde am 9.6.1903 abgeschlossen. Ein vom Autor vereinbarungsgemäß um 20% gekürzter Vorabdruck erschien 1903 in den Oktober-, November- und Dezemberheften der Neuen deutschen Rundschau. Die Buchausgabe wurde am 17.2.1904 vom Verlag angezeigt. Sie erschien ohne Gattungsangabe und mit der später revidierten Widmung „Meinem Freund Ludwig Finckh“ in einer rasch vergriffenen Startauflage von 1.000 Exemplaren. Ähnlich wie Emil Strauß’ Erfolgsroman Freund Hein war sie mit einem Rahmenornament in Jugendstilmanier ausgestattet.